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Texte von gestern:

 

Über die Entschleierung

bester Absichten

 

Deutschland feiert sich selbst

 

„Und die SPD-Frauen, die werde schier platze vor Neid!“

 

Endlich!

Eine frohe Deutsche

 

Schmerzensmann bin Laden

 

Das Fernsehen

schafft das Bild ab

 

Eine Frau reicht doch

 

Schuld allein ist nur

der Feminismus

 

Das Alter ist im Kommen

 

Immer bereit!

(Pionier-Gruß)

 

Der Mann in der Lücke

 

Unter Lindenblüten

an der Elbe

 

Monolog einer Bamf-Frau

 

 

 

Ein Stück Stoff geht um

in Deutschland,

drängt zunehmend in die

Öffentlichkeit und verlangt

Freiheit für die Unfreiheit.

Feministinnen fordern

das Recht der Frau

auf Verschleierung.

Juristen streiten

für das Kopftuch

im Öffentlichen Dienst.

Das Fernsehen zeigt

muslimische Frauen,

die nicht zu sehen sind.

Sieht so das

wahre Gesicht der Demokratie aus?

Verliert die Toleranz ihr Ansehen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Wo immer in der Welt

unliebsame Tatsachen

diskutiert werden,

kann man häufig beobachten, daß man

ihre bloße Feststellung

nur darum toleriert,

weil dies von dem Recht

zur freien Meinungsäußerung gefordert werde,

daß also,

halb bewußt und halb

ohne dessen auch nur

gewahr zu werden,

eine Tatsachenwahrheit

in eine Meinung

verwandelt wird.”

 

 (Hannah Arendt, 1963

aus

„Wahrheit und Politik“)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 „Trotzdem versuche ich, immer noch

Ordnung in

meine Gedanken

zu bringen und

aus dem Verworrenen ein Bild der Zeit

zu schaffen,

was ja

meine Aufgabe ist.“

 

(Der Maler Ernst Ludwig Kirchner um 1916)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die Entschleierung bester Absichten

 

© Viola Roggenkamp

 

Referat gehalten am 3. Dezember 2017 im Rahmen der Gemälde-Ausstellung

„Gesicht zeigen“ mit Werken der Künstlerin Marlis Glaser

 

im Rathaus Foyer Biberach, Veranstalterinnen: Edeltraud Wiedmann, Katholische Erwachsenenbildung der Dekanate Biberach und Saulgau e.V.; Barbara Schwarz-Sterra, Fachbereich Frauen der Diözese Rottenburg Stuttgart und FrauenBildungsNetzwerk; in Zusammenarbeit mit der Agenda 21 – Gruppe Geschlechter gerecht, Biberach, Frauenforum Biberach, Katholischer Frauenbund Biberach

 

Früher Nachmittag. Auf dem Weg zur Bushaltestelle. Es hat geregnet. Das bunte Herbstlaub der Bäume ist auf dem Bürgersteig ein brauner, schmieriger Brei geworden. Ich bin mit Gülsemin verabredet. Sie liegt im Krankenhaus. Sie habe sich nicht umbringen wollen, sagte sie mir am Telefon, sie wolle bloß nicht diesen Typ heiraten, den der Imam für ihren Vater als Schwiegersohn ausgesucht hat.

Aus einer Toreinfahrt kommt auf seinem Fahrrad ein junger Mann herausgeschossen. Er reißt mir fast die Nase und die Brille aus dem Gesicht. Für einen Augenblick bin ich wie blind. Er schleudert, rutscht. Mein Mantel ist bespritzt mit Straßendreck. Er fängt sich und steht vor mir. Von ihm kein Wort des Erschreckens und kein Wort der Entschuldigung. Das Herz schlägt mir im Hals.

Mann!, sage ich und halte mich an seinem Lenker fest. Idiot! Und ich bekomme wieder Luft. Ich sehe ihn an. Was ist er für einer? Er flucht, er ist sehr wütend, und ich muß fürchten, von ihm gestoßen oder geschlagen zu werden. Ich war nicht nur in seinem Weg und hätte ihn dadurch fast zu Fall gebracht, ich bin eine Frau, obendrein eine ältere Frau. Und ich habe mir erlaubt, ihn Idiot zu nennen. Offenbar bin ich eine emanzipierte Frau.

Und jetzt die Gretchen-Frage: Wie hast du‘s mit der Religion? Christ oder Muslim? Wozu das in dieser Situation wichtig ist? Jemand, der mir gefährlich wird, kann mir nicht egal sein. Vielleicht ist er kein Muslim. Vielleicht sieht er nur so aus. Vielleicht ist er palästinensischer Christ, und  seine palästinensischen Eltern kamen mit ihm vor zwanzig Jahren aus der DDR nach Westdeutschland? Nein, das glaube ich nicht. Wäre er als Christ zugehörig der Kultur der islamischen Welt, würde er sich nicht wie ein grober, militanter Muslim aufführen, er würde die Angst vor solchen Leuten aus eigener Erfahrung kennen. Vielleicht ist er Deutschtürke in dritter Generation und muß mir beweisen, wie furchterregend muslimisch er ist?

Wäre er ein deutscher Glatzkopf mit Springerstiefeln, also ein Mann aus dem europäisch-christlichen Kulturkreis, wäre meine Befürchtung mindestens genauso groß. So einer könnte mich zu Boden werfen, und vermutlich würde kein Vorübergehender es wagen, mich vor ihm zu schützen. Dieser junge Mann vor mir gehört zu keiner deutsch-nationalen Schlägertruppe. Er ist ein kräftiger junger Mann mit einem kunstvoll ausrasierten Bart im Gesicht, und er hat es eilig.

Ist er Syrer? Oder Afghane? Oder Marokkaner? Oder Libanese? Das kann ich ihm nicht ansehen, und das würde mir in dieser Situation auch nicht helfen. Ganz gewiß aber gehört er, um mit der Bundeskanzlerin zu sprechen, zu den Deutschen, die noch nicht sehr lange in Deutschland leben, während ich zu den Deutschen gehöre, die schon länger hier leben, schon in der fünften Generation.

Gülsemins Mutter, wir wohnen im selben Haus, sie hatte sich bei mir beschwert: Für die Deutschen blieben Menschen wie sie und ihr Mann und ihre Kinder immer die anderen, die Fremden. Wörtlich sagte sie: „Für die Deutschen sind wir Türken doch immer die Türken.“

Was ist so schlimm daran? Ich mühe mich seit vielen Jahren den Deutschen klarzumachen, daß sie das Wort Jude aussprechen dürfen, daß es kein Schimpfwort ist. Ich will als Jüdin für die Deutschen existieren. Ich will nicht fortführen, was Generationen deutscher Juden sich mühten, bis zur Perfektion zu beherrschen: als Jude nicht erkennbar zu sein.

Thomas Mann war mit einer Jüdin verheiratet, Katia Pringsheim. Ihre gemeinsamen sechs Kinder waren nach der Halacha Juden und nach den Rassegesetzen der Nazis halbjüdische Mischlinge ersten Grades. Die Literaturwissenschaft, nicht nur die deutschsprachige, aber besonders die, gibt sich bis heute Mühe, diese Tatsache zu verleugnen. Und dann wurde 2005 mein Buch veröffentlicht: „Erika Mann – eine jüdische Tochter“. Diesen großen Essay zu schreiben, hat mir viel Vergnügen gemacht. Am Beispiel gerade dieser hoch geschätzten Familie analysieren, wie und in welchen Zusammenhängen kluge Biographen, etwa das Ehepaar Inge und Walter Jens, denen man Antisemitismus nicht nachsagte, wie sie das Jüdische in dieser Familie verleugneten bei Thomas Manns Frau und seinen Kindern. Immer dann also, wenn das Jüdische in unmittelbarer Nähe zu dem großen deutschen Schriftsteller Thomas Mann auftrat.

Als mein Buch „Erika Mann – eine jüdische Tochter“ herauskam, bereitete es mir nur Ärger. Ärger mit einflußreichen Literaturwissenschaftlern, Ärger mit der mächtigen Thomas-Mann-Gesellschaft. In Thomas Manns Geburtsstadt Lübeck lud man mich zur Lesung sechsmal ein und fünfmal wieder aus.

Erika Mann, Thomas Manns Erstgeborene Tochter, sein bis ins Alter geliebtes Eri-Kind, sie hat es ihrer deutschen Nachwelt leicht gemacht, sie als jüdisch nicht wahrnehmen zu müssen. Die mutige Kabarettistin, die politische Journalistin, die Emigrantin und Widerstandskämpferin gegen das Naziregime, sie ist für die deutsche Nachwelt endlich mal eine ganz normale mutige Deutsche. Das einzig Besondere an ihr ist Thomas Mann. Daß sie jüdisch war, ist in den Betrachtungen über sie ohne Bedeutung geblieben. Nur nicht in meinem Buch.

Erika Mann hat es selbst verschwiegen. Sie wollte von ihrem Jüdischsein – wie es scheint – nichts wissen. Wozu es hervorholen? Macht nur Ärger. Aber ist das kein Thema? Warum, wird mir gesagt, muß man Jude sagen? Warum muß man das erwähnen? Es reiche doch aus, von Verfolgten zu sprechen, von Ermordeten, von Widerstandskämpfern, von Überlebenden, von Zeitzeugen. Als würde erst die Unterscheidung durch das Wort Jude zurückführen in das Unheimliche von damals, in das Schulderbe.

Heute kann man das Jüdische benennen. Lieber noch läßt man es einfach weg. Wo das Wort sich irgendwie wichtig macht, Jude, jüdisch, wird es beiseite geräumt oder zumindest reduziert auf Wurzeln, auf Abstammung, auf Herkunft, auf: der Vater war jüdischer Textilkaufmann oder: die Mutter war eine jüdische Hausfrau. Albert Einstein? Ein großer Deutscher. Rosa Luxemburg? Eine große Linke. Daß sie Juden waren? Man löscht es aus und findet das tolerant. Albert Einstein, schrieb die taz anläßlich eines runden Geburtstages, war jüdischen Glaubens. Nein. Das war er nicht, er war überhaupt nicht religiös. Albert Einstein war deutscher Jude. Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen der Tabuisierung des Wortes Jude besonders in der deutschen Intelligenzschicht und der Popularität des Wortes Jude als Schimpf- und Haßwort heute auf deutschen Schulhöfen? Macht sich da etwas Luft, was nicht zum guten Ton der Vergangenheitsbewältigung paßt? Denkbar ist es.

Zurück zu dem deutschen Muslim auf seinem Fahrrad. Ihn treibt sehr wohl der Impuls, sich schleunigst davonzumachen. Aber vorher muß er mir unbedingt noch zu verstehen geben, wie groß seine Verachtung mir gegenüber ist. Er spuckt aus und flucht in einer Sprache, die ich nicht verstehe, davon geht er aus, und damit ich mich sprachlich nicht völlig abgehängt fühle, demütigt er mich auch auf deutsch: Wie er mich nennt, will ich hier nicht wiederholen. Sie können es sich vielleicht denken.

Am besten gleich in die Eier treten, empfiehlt Oriana Fallaci in ihrem Buch „Die Wut und der Stolz“. Ich habe das noch nie gemacht. Hoffentlich funktioniert das auch. Und wenn ich daneben trete? Gibt der mir eine zweite Chance? Darf ich bitte noch mal? Dieses Buch der Fallaci, dieser schönen, alten, mutigen, italienischen Megäre, sie lebt nicht mehr, ihr Buch schäumt vor Wut. Darin ruft sie den Westen auf zum Widerstand gegen den sogenannten heiligen Krieg des Islams. Er ist eine bedrohliche Massenbewegung gegen unsere Demokratie, gegen unsere Kultur, gegen unser Wissen, gegen unsere Menschenrechte, gegen die Gleichberechtigung von Frau und Mann.

Sie können dieses Buch heute in keiner deutschsprachigen Buchhandlung mehr kaufen. Es war schnell vergriffen und danach ebenso schnell auf dem Index der Diktatur des Guten. Das Buch erschien nach dem 11. September 2001. Nine-Eleven. Das ist das Wort, welches jedem von uns diese Bilder vor Augen führt: Zwei Flugzeuge, gesteuert von Muslimen, flogen in die Twin-Towers, brachten beide Wolkenkratzer zum Einsturz, brachten Hunderte Amerikaner ums Leben.

Die Welt ist gewohnt, kriegerische Gewalt und sterbende Menschen durch die Nachrichtenverbreitung der Medien zur Kenntnis zu nehmen. Aber dies hier war etwas Anderes. Auf einmal war nicht mehr Israel das alleinige Ziel islamischer Terroristen. Dieser vielfach tödliche Anschlag zeigte Europa und Amerika, wie verletzlich unsere demokratische Welt ist, einschließlich Israel. Was vor aller Augen geschehen war, dazu braucht man keine Atomwaffen. Das kann jeder. Jeder Wahnsinnige, jeder hoch unzufriedene, womöglich todunglückliche und in den Größenwahn Geflüchtete ist imstande, unsere Welt in ihren Grundfesten zu attackieren und tödlich zu treffen.

Mit diesem 11. September 2001 begann, was wohl kaum schon zu beginnen aufgehört hat. Die große Sorge, die andauernde Befürchtung vor weiterem. Eine in unser Bewußtsein tief eingedrungene Erschütterung. Sie hat sich inzwischen vielfach bestätigt: Brüssel, Nizza, Manchester, Madrid, London, Paris, Berlin.

Ob dieses Wort, frage ich den junge Mann vor mir und lasse sein Fahrrad los, ob das bekannte Schimpfwort gegen das weibliche Geschlecht, ob das auch in seinem Koran stünde? Daraufhin schreit er laut lamentierend: Nazi! Du Nazi! Und nun bleiben auch ein paar Passanten stehen. Sie sehen mich prüfend an. Er fährt davon. Man geht kopfschüttelnd weiter.

In der Öffentlichkeit als Nazi beschimpft zu werden, lähmt sogar mich, obwohl ich deutsche Jüdin bin. Meine Familie ist von den Nazis verfolgt worden. In meiner Familie gibt es Überlebende, sonst hätte ich in dieser Hamburger Einkaufsstraße nicht vor ihm stehen können, und ich habe Verwandte, die es nicht geschafft haben. Ich kenne ihre Namen, ich weiß Einzelheiten über sie aus Erzählungen meiner Mutter und meiner Großmutter. Kochrezepte. Banklehre. Viele Kinder. Sehr fromm. Leseratte. Zionistin geworden. Schöne Stimme. In der Synagoge gesungen. Große Zukunft. Pokerspieler. Frau betrogen. Pleite gegangen. Alles versucht. Zu spät. Bis dorthin. Deportiert, selektiert, weggerissen aus dem Leben. Wo? Wann? Ihre Namen habe ich wiedergefunden in den Totenbüchern im Archiv von Yad Vashem in Jerusalem.

Nazi! Du Nazi! Kein Einzelfall, wie ich aus eigener Erfahrung weiß und auch weiß von deutschen Freunden. Erzählen sie mir davon, beteuern sie sofort, nichts gegen die Flüchtlinge zu haben. Nazi! Der schwere Vorwurf soll ablenken vom Provokateur. Als Jüdin möchte ich den Deutschen zur Hilfe eilen gegenüber diesen Profiteuren der Schoa. Laßt euch das nicht bieten! Solche Muslime dealen mit eurem historischen Schulderbe.

Mit wem hat man es zu tun? Man hat es zu tun mit jungen Leuten, mit muslimischer Jugend in der deutschen Diaspora. Sie versuchen, sich Bedeutung zu geben, indem sie ihre Umwelt nach Laune terrorisieren. Sie sind leichte Beute für die Führer des religiösen Faschismus. Leichte Beute. Das macht den potentiellen Gotteskrieger und die potentielle Gotteskriegerin gleich wieder zum armen Opfer. Das mag auf manche zutreffen. Bei anderen geht der narzißtische Größenwahn des islamischen Verführers ideal zusammen mit dem eigenen narzißtischen Größenwahn. Macht haben wollen. Macht über Leben und Tod der anderen. Und das gepaart mit der Vorstellung von der eigenen Reinheit, mit Selbstüberhöhung, mit Selbstidealisierung.

Sie werden zu Mitläufern oder zu Tätern. Wer sich ihnen entgegenstellt, den beschimpfen sie als Nazi. Sie wissen, das ist das Wort, vor dem weichen Deutsche zurück. Grob effektvoll greifen sie danach. Für sie selbst ist ja aber der Nazi ein Faszinosum. Sie teilen dessen Haß auf die Juden und auf Israel. In den Ländern, aus denen sie kommen, genießt Adolf Hitler großes Ansehen. In den Schulen dieser Länder, in ihren Schulbüchern, an den Universitäten, in den Predigten ihrer Imame ist der Jude und ist Israel das Übel ihrer Welt. So zerstritten die arabisch-islamische Welt in sich ist, der Haß auf die Juden einigt sie.

Der deutsch-muslimische Schriftsteller Navid Kermani, er ist habilitierter Orientalist, sprach in seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels von „religiösem Faschismus im heutigen Islam“. Ich zitiere ihn:

Wenn man weiß, daß die Schulbücher und Lehrpläne im Islamischen Staat zu 95 Prozent identisch sind mit den Schulbüchern und Lehrplänen Saudi-Arabiens, dann weiß man auch, daß die Welt nicht nur im Irak und in Syrien strikt in verboten und erlaubt eingeteilt wird, und die Menschheit in gläubig und ungläubig. Gesponsert mit Milliardenbeträgen aus dem Öl, hat sich über Jahrzehnte in Moscheen, in Büchern, im Fernsehen ein Denken ausgebreitet, das ausnahmslos alle Andersgläubigen zu Ketzern erklärt, beschimpft, terrorisiert, verächtlich macht und beleidigt.“

Aus dieser Welt kommen die Flüchtlinge nach Deutschland, nach Europa. Geflohen sind sie deshalb nicht.

Gülsemin, die ich im Krankenhaus besuchte, ist in Deutschland geboren. Ob das Berlin heißt, ob Dresden, Frankfurt oder Stuttgart? Gülsemin ist das nicht wichtig. „Ich kann mit meinem deutschen Paß jederzeit gehen, wohin ich will.“ So denkt sie. So dachte sie, bis der Imam und ihr Vater sie eines Besseren, das heißt eines Schlechteren belehrten. Nach Lissabon oder nach Paris gehen, dort ihre eigenen Filme drehen. Von Deutschland aus, dachte sie, stehe ihr ganz Europa offen. Oder Amerika. In ihrem Paß heißt es: Nationalität deutsch. Gülsemin hätte da gern auch etwas Türkisches stehen gehabt. Ihr ist wichtig, nicht nur deutsch sondern auch türkisch zu sein. Egal, sagt sie, ist eben so. Nationalität: deutsch.

Wenn Gülsemin im Sommer mit ihren Eltern und ihren Geschwistern zu den Großeltern in die Türkei fährt, kommen alle Verwandten angereist, und Gülsemin sitzt am Tisch mit ihnen und ist die Deutsche, ist sozusagen Deutschland, das Land von Mercedes und blitzsauberen Klos, und das Land mit der größten türkischen Diaspora, über drei Millionen Menschen. Was geredet wird, versteht Gülsemin nur halbwegs. Dagegen in Deutschland ist sie die Türkin. Hier kann sie sich türkisch fühlen, hier ist ihr Name unverkennbar türkisch. Sie mag das. Sie will nicht eine Deutsche wie die Deutschen sein. Ich kann sie verstehen. Ich lege auch wert auf das, was ich bin, ich bin deutsche Jüdin.

Deutsche fragen nicht, fragen nie, trauen sich nicht, sagt Gülsemin. Alles okay mit deiner Familie zu Hause in der Türkei, Gülsemin? Gerade jetzt, wo eben gar nichts okay ist in der Türkei. Niemand fragt. Deutsche fürchten, Gülsemin, geboren in Deutschland, könnte antworten: Ey, willstu Paß sehn? Bistu Nazi? Willstu Türkisch-Holocaust?

In Deutschland ist ihr Vater in der Moschee vom Imam gerügt worden, vor allen anderen Betern. Wie sieht deine Tochter aus? Eine Hure. Zu Hause hatte ihr Vater geweint. Er hatte vom Imam den Auftrag bekommen, Gülsemin, seine Tochter, seine Rose zu verheiraten, seine selbstbewußte, ehrliche, zuverlässige, vertrauenswürdige Rose. Alles das bedeutet der Name Gülsemin. Diese Rose zu verheiraten gegen ihren Willen mit einem orthodoxen Muslim. Nach ihrem Sprung aus dem Fenster, bekamen Gülsemins Eltern Besuch. Zwei Männer von der islamischen Sittenpolizei.

Eine schweigende liberale muslimische Mehrheit, aus Furcht schweigend vor dem großen islamischen Dachverband Ditib, aus Furcht schweigend vor den Spitzeln des türkischen Präsidenten, aus Furcht schweigend vor der in Deutschland agierenden islamischen Sittenpolizei, diese schweigende liberale muslimische Mehrheit fühlt sich von der deutschen Politik im Stich gelassen. Und dieses Gefühl ist richtig.

Die Masseneinwanderung muslimischer Flüchtlinge, das Wort sei erlaubt und ist am Platz, wo man in einem so kurzen Zeitraum so viele ausländische Menschen aufnimmt, ohne die allgemein übliche Personenkontrolle, denn sie ist ja angeordnet vom Staat und vorgeschrieben dem Staat zum Schutz der eigenen Bevölkerung, dieser Zustrom aus der arabisch-islamischen Welt gibt in Deutschland dem konservativen, orthodoxen Islam enormen Auftrieb, enormen Rückhalt. Eine überhaupt nicht zu unterschätzende Bedrohung für deutsche, liberal lebende Muslime.

In knapp zwei Jahren fast zwei Millionen Flüchtlinge, Menschen aus einer total gegensätzlichen Kultur. Deutschland war auf nichts vorbereitet. Das Parlament wurde nicht gefragt, Europa wurde nicht gefragt. Vorausgegangen war Angela Merkels Besuch in Griechenland, ihre Weigerung, die noch offene Nazigeldschuld an das hoch verschuldete Griechenland zu begleichen. Dort in den Straßen sah sie sich plakatiert mit Hitlerbärtchen in SA-Uniform. Das wirkte nachhaltig in ihr, aber nicht alternativlos. „Deutschland schafft das.“ Eine persönliche Augenblicksentscheidung aus narzißtischem Antrieb. Als Einpeitscherin eines unsozialen Spardiktats drohte sie in die Geschichte einzugehen. Die Kanzlerin wörtlich: „Müssen sich die Griechen eben mal anstrengen.“

Und plötzlich Selfies. Die deutsche Kanzlerin Wange an Wange mit einem muslimischen Flüchtling. Das ging um die Welt. In Sekundenschnelle und immer wieder. Willkommenskultur über Monate in sentimentaler Überspanntheit, zugleich agitiert und befeuert von einem am Event geschulten, vom Event lebenden Medientross, wodurch im nahen und ferneren Osten eine muslimische Völkerwanderung Richtung Deutschland, Richtung Europa enorm beschleunigt wurde.

„Deutschland kann Menschlichkeit“ hieß die Propaganda dieser Medienmehrheit geschwätziger Stimmungsmacher und -macherinnen. Das wurde nur allzu gierig geschlürft. Man war und ist beseelt davon, der Flüchtling, neuerdings sprachlich schöner noch: „der Geflüchtete“, er ist ein Opfer, er kann kein Feind westlich moderner Lebensweise sein. Er kommt ja zu uns. Daß hierbei durchaus auch Überheblichkeit das Denken leitet, entgeht den Gutmeinenden.

„Wir bekommen Menschen geschenkt!“ Kathrin Göring-Eckart von den Grünen. Während man sich berauschte an der eigenen Menschlichkeit, entglitt unterdessen die Masseneinwanderung über einen gefährlich langen Zeitraum den Sicherheitskontrollen aller zuständigen deutschen Ämter. Gefälschte Papiere – Pässe, Universitätsabschlüsse, Abiturzeugnisse, Nationalitäten – wurden, wenn sie als gefälscht erkannt wurden, vom zuständigen Bundesamt eingezogen. Wurden sie der Polizei übergeben? Aber nein! Was als vorsätzliche Strafvereitelung durch die Behörde, was als Beihilfe juristisch in Betracht käme, die Unterschlagung von Beweismaterial, möglicherweise darunter ein, zwei, drei eingeschleuste Islamkrieger, das wurde einfach durchgewunken, stillschweigend legitimiert von ganz oben. Um dann auch davon schweigen zu können, daß aller Mutmaßungen nach weit mehr Flüchtlinge mit gefälschten Dokumenten unentdeckt blieben und bleiben werden. Als gäbe es nichts zu befürchten.

Wenn der Andrang derzeit zurückgeht durch die Initiativen osteuropäischer Länder, wovon man in Deutschland profitiert, ohne sich die eigenen Finger schmutzig zu machen, weshalb man diese Länder wortreich verurteilt, so muß doch für das nächste Jahrzehnt aus humanitären Gründen die Familienzusammenführung folgen. Denn es kamen zu über 80 Prozent Männer, darunter minderjährige Jugendliche, sogar im Kindesalter. Kanada zum Beispiel nimmt aus Syrien nur ganze Familien, alleinstehende Frauen oder Kinder auf, nicht aber alleinstehende Männer.

Nach Deutschland sind rund 800 000 Männer gekommen. Von einer Armee, sprach Necla Kelek: „Da kommen ja nicht nur Familien, die der Krieg vertrieben hat, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ist eine Armee gekommen. Ob man den Männlichkeitskult dieser Männer mit Integrationskursen beheben kann?“

Die deutsch-türkische Wissenschaftlerin sagt über die Bundesrepublik der vergangenen 20 Jahre, bis heute hin sei Deutschland im wissenschaftlichen Diskurs geprägt „von einer unglaublichen Heroisierung und Romantisierung von Diversität und Multikulturalität“.

Zu dieser Heroisierung und Romantisierung von Diversität und Multikulturalität gehören Säuberungsaktionen. Das bekannte Handwerkszeug der Hochmoralischen, der Vertreter einer repressiven Toleranz.

Pippi Langstrumpf, alle kennen den Weltbestseller von Astrid Lindgren kennen, Pippi Langstrumpf hat einen Vater, so erzählt sie in dem Kinderbuch, und dieser Vater war Negerkönig in Takka-Tukka-Land, bis eine deutsche Säuberungskommission ihm diesen Titel absprach. Möglicherweise heißt er jetzt gemischt-kultureller Migrationskönig. Vermutlich wurden und werden nach Pippi Langstrumpf noch eine Menge andere Bücher einer Säuberungsaktion unterzogen.

 In der Bremer Kunsthalle hängt ein Aquarell der Malerin Anita Ree. Das Bild heißt „Das Negermädchen“. Es hieß „Das Negermädchen“. Es wurde jetzt umbenannt in „Das N***mädchen“. In derselben Kunsthalle wird darauf hingewiesen, daß die Banane in einem Stilleben von Paula Modersohn-Becker die Betrachter ermahnen sollte, an vermutlich ausgebeutete Plantagenarbeiter der Kolonialzeit zu denken. Desgleichen wird in einem Begleittext der Kaffee in dem Gemälde von Elisabeth Perlia mit dem Titel „Kaffeegarten an der Weser“ als verdächtiger Luxus stigmatisiert. Sind bestimmte Wörter verboten, können Bilder und Bücher verboten werden. Man kennt das.

Die Selbstüberhebung wird national, durchaus nicht mehrheitlich, wohl aber die einer intellektuellen Mehrheit. Deutschland kann Integration besser als Frankreich, als England. Das ist beständig zu hören. Wo Flüchtlinge sich kriminalisieren, Kleinkriege stattfinden, Vergewaltigungen, Bestechungen, spricht man neuerdings recht großmaulig von „französischen Verhältnissen“.

Necla Kelek sagt: An den Universitäten gebe es deutsche Islamversteher in den Bereichen Islam- und Orientwissenschaft, die nicht auf Reformen setzten, sondern auf Einfühlung und Nachvollziehen. Jede Ethnie, die hier ihre eigene Kultur lebe, sei eine Bereicherung, laute das Mantra. Necla Kelek: „Und bitte nicht kritisieren. Wenn dann jemand sagt, das ist aber nicht bereichernd, bei den Muslimen gibt es Menschenrechtsverletzungen, dann gilt er als Störenfried. Was die Rechte der Frauen betrifft, welche Bringschuld die Eltern haben, damit ihre Kinder erfolgreich in der Schule sind. Die muslimischen Migranten besonders haben große Schwierigkeiten, sich mit der eigenen Religion auseinanderzusetzen. Kritik am Islam ist weltweit tabuisiert. Wer das als Muslim dennoch wagt, der ist draußen. Auf der ganzen Welt. Der Islam tobt als Diktatur, er entwickelt sich nicht weiter, im Gegenteil, er fällt ins 7. Jahrhundert zurück. Da ist es unsere Bürgerpflicht, ist es Menschenpflicht, sich mit den Irrungen des Islam auseinanderzusetzen.“

Necla Kelek kommt aus der Türkei. Sie kennt sich aus. Sie ist promovierte Soziologin und Frauenrechtlerin. In Jakob Augsteins Wochenzeitung „Der Freitag“ war über sie zu lesen, Kelek verdiene ihren Lebensunterhalt mit „schwammigen Aussagen“, ihre „hochpauschalen Scheinargumente“, ihre „kruden Thesen zum Islam“, ihr „antireligiöser Feldzug“ sei „persönliche Blutrache“ und solle „gewinnbringend“ wirken für sie selbst und ihre Publikationen. Ihr Denken sei „das Produkt eines gefährlichen Klischeedenkens, das aus der Basis eines pervertierten Verstandes“ entspringe, infolge von „persönlichen Traumata ihres Elternhauses“.

Dieser perfide Ton hat Tradition in Deutschland. Er charakterisierte den Antisemitismus deutscher Intellektueller bereits vor dem ersten Weltkrieg und zunehmend sich steigernd auf 1933 hin. Dieser verleumderische Stil galt damals nicht dem Schtetljuden, dem armen, schmuddeligen Jid und seiner im Elend lebenden Mischpoche. Ihn brauchte der arische Herrenmensch nur anzusehen, um Abscheu zu empfinden und um sich unendlich größer und besser zu fühlen.

Dieser haßvolle Antisemitismus deutscher Intellektueller galt dem assimilierten Juden, galt dem erfolgreichen, dem gebildeten Juden, dem jüdischen Wissenschaftler, dem jüdischen Politiker, dem jüdischen Unternehmer, dem Schriftsteller, dem Journalisten, dem Schauspieler, dem Regisseur, dem Juden, der auf Augenhöhe angekommen war.

Es muß erklärt werden, weshalb man in Deutschland heute Integration sagt und nicht Assimilation oder Assimilierung. Assimilierung ist ein Tabuwort, da es ein jüdisches Wort geworden ist. Jüdisch in dem Sinne, daß es den deutschen Juden von einst in sich trägt. Dem Muslim wird die Integration angeboten. Damit ist keine Zwangstaufe verbunden, wie noch bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den Juden verlangt, wollten sie an der Moderne, an Wissenschaft und Kultur teilnehmen. Und sie wollten, und sie nahmen teil.

Das deutschsprachige Judentum war – mit Hannah Arendt zu sprechen – ein „durchaus einzigartiges Phänomen, das auch im Bereich der sonstigen jüdischen Assimilationsgeschichte nicht seinesgleichen hat, das sich unter anderem in einem geradezu bestürzenden Reichtum an Begabungen und wissenschaftlicher und geistiger Produktivität äußerte“. Daß es dazu kam, dazu mußte es Juden möglich sein, die jüdische Orthodoxie verlassen zu können. Im christlichen Abendland war das über Jahrhunderte von Kirche und Staat für Juden verboten.

Die moderne Gesellschaft verlangte für Teilhabe an den Wissenschaften, der Kunst, dem öffentlichen Leben von den Juden Anpassung. Anpassung an Kleidung und Sprache, an Lebensführung. Und das wiederum war für Juden, die ihrer Orthodoxie entfliehen wollten, die willkommene Hilfe, sich der Moderne anpassen zu können. Juden wollten gute Deutsche, gute Franzosen, gute Engländer sein. Dem Antisemitismus machte ihre Assimilation allerdings kein Ende.

Heute fordern deutsche Feministinnen das Recht der Frau auf Verschleierung. Das scheint für sie die sogenannte Lehre nach Auschwitz zu sein. Deutsche Juristen streiten für das Kopftuch im öffentlichen Dienst. Das Fernsehen zeigt muslimische Frauen, die im Fernsehen nicht zu sehen sind, da sie Niqab tragen. Das hält man für tolerant, auf jeden Fall für sensationell. Man gibt solchen Frauen – nicht selten sind es obendrein deutschsprachige Konvertiten – Zeit und Raum, für ihr sektenhaftes Treiben zu werben.

Deutsche Muslime, mutige, kluge Frauen und Männer, sie werden sogar eingeladen in Talkshows, sie warnen vor den faschistischen Strukturen des Islam, sie werden mit Preisen ausgezeichnet, ihre Botschaft bleibt ohne Gewicht, versackt. Ist das nicht merkwürdig?

Dieses Deutschland feiert sich selbst. Wirtschaftsgroßmacht, Fußballweltmacht, Integrationsmeister. Es kann sich nicht genug darin tun, der Welt zu zeigen, wie vorbildlich es ist. Beifall kam vom Ausland, Lob kam von Überlebenden der Schoa. Das war nicht etwa mehr als man zu hoffen gewagt hätte.

Ist dies die ersehnte Größe und Idealität? Sehen wir hier das wahnwitzige Nachspiel der Vergangenheitsbewältigung? In diesem Nachspiel will Deutschland seine Menschlichkeit beweisen, und siehe da, es ziehen mit dem Islam Gepflogenheiten ein, die toleriert werden, obgleich sie faschistisch genannt werden müssen. Und es scheint völlig egal zu sein, daß man nebenbei den Boden bereitet für Fanatiker von welcher Seite auch immer, den Boden bereitet für eine AfD.

Wenn man bedenkt, was es gekostet hat, da hinzukommen, was heute hierzulande Menschenrecht ist. Man muß staunen über die Leichtfertigkeit, mit der die Demokratie aufs Spiel gesetzt wird. Immer mehr Deutsche ziehen weg aus Stadtteilen, wo der traditionelle Islam dominiert. Immer mehr deutsche liberale Muslime, die es sich finanziell leisten können, ziehen ihnen hinterher. Der Islam erobert den Schulhof und die Klassenzimmer. Das Kopftuch, Hijab genannt, ist seine Flagge. Für Seyran Ateş, Imamin in Berlin, ist das Kopftuch das deutlichste Signal der Islamisierung. Das Kopftuch ist Selektion. Es selektiert Mädchen und Frauen in ehrenhaft und unehrenhaft. Das ist seine Botschaft.

In deutschen Schulen vor 1933 war es für Lehrer und Schüler verboten, NS-Uniform zu tragen. Wer es dennoch tat, feierte sich als Held. Die es nicht wagten, feierten sich als Opfer. Heute tragen in deutschen Grundschulen kleine Mädchen Kopftuch. Heute tragen Lehrerinnen und Erzieherinnen in deutschen Kindergärten und Grundschulen Kopftuch.

„Für Kinder in diesem Alter, Mädchen wie Jungen“, sagt Seyran Ateş, „haben diese Frauen eine Vorbildfunktion“. All denen, die glauben, das sei tolerant, das sei demokratische Freiheit, rät sie zu einem Praktikum in Afghanistan. Die Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin der ersten liberalen Moschee war jetzt in Esslingen ztu Gast bei den Literaturtagen. Streifenwagen, Blaulicht, Taschenkontrollen, fünf Personenschützer.

Seyran Ateş: „Was tun Befürworter von Kopftuch und Burka den Frauen und Mädchen an, die sich dagegen wehren, die sich auflehnen gegen ihre Familie und ihr soziales Umfeld und damit sich selbst in Gefahr bringen? Wie sollen nach Deutschland geflüchtete Frauen darauf vertrauen können, daß sie das Kopftuch hier ablegen dürfen, wie den Mut dazu aufbringen?“

Hören die Regierenden in Deutschland auf Seyran Ateş, auf Necla Kelek? Nein. Die CDU/SPD-Regierung hat die Sozialdemokratin Aydan Özoğuz. Sie ist seit 2013 Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Rang einer Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin. Aydan Özoğuz ist deutsche Muslima, ihre Eltern kamen 1961 als Gastarbeiter aus Istanbul. Ihre beiden Brüder betreiben ein proiranisches Internetportal. Versteht sich: mit haßvollen, antisemitischen Kommentaren gegen Israel. Auf öffentlichen Druck, unter anderen auch ausgehend von Necla Kelek, distanzierte sich Aydan Özoğuz von dem brüderlichen Internetportal.

Die Sozialdemokratin wirbt für Verständnis, sie fordert Verständnis für den konservativen Islam. In diesem Dunst behauptet sich der Kopftuch-Islam, in diesem Dunst existieren in Deutschland nach islamischem Recht Kinderehen, passieren nach islamischem Recht Zwangsverheiratungen, geschehen nach islamischem Recht Ehrenmorde, in diesem Dunst können sogenannte medizinische Eingriffe vorgenommen werden, um weibliche Genitalien zu verstümmeln, wenn die islamfrommen Eltern es wünschen und bezahlen. 

Necla Kelek: „Alle behaupten jetzt, die Grünen, die SPD, die frühere Integration der Gastarbeiter und deren Kinder sei gelungen. Das ist doch falsch. Diese Relativierung ohne Ende, die keine Fragen über Parallelwelten zuläßt! Ich bin empört. Das Machotum und die Gewalt an unseren Schulen wird weiter tabuisiert, die Jungs sind im Bildungssystem Verlierer, die Mädchen werden dann doch unter dem Druck der Familie verheiratet. Wenn das gelungen sein soll, dann gute Nacht, was die Neuen anbelangt.“

Nahezu untergegangen in der öffentlichen Wahrnehmung ist ein wichtiges Ereignis im Luther-Jahr. Kaum, daß die Medien ausführlich darüber berichteten.

Abdel-Hakim Ourghi, deutsch-algerischer Islamwissenschaftler, Philosoph und Religionspädagoge, er leitet seit 2011 den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, er hat 40 Thesen an die Tür der Dar-as-Salam-Moschee in Berlin-Neukölln geheftet.

Hier die letzten acht Thesen:

 

33. Der Islam hat die Frauen nicht zu freien Menschen gemacht, sondern zu Knechten der Männer. Die Frauen des Islams müssen sich erheben, denn ihre Peiniger werden sie nicht befreien.

34. Das Kopftuch ist keine religiöse Vorschrift, sondern ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft.

35. Nicht der Koran, sondern die männliche Herrschaft des konservativen Islams verbietet den Frauen, als Imaminnen in ihren Gemeinden tätig zu sein.

36. Der Islam hat sehr wohl mit dem Islamismus zu tun.

37. Der nicht reformierte Islam ist keine Religion des Friedens.

38. Die Sinnkrise des Islams ist hausgemacht. Wir Muslime sind keine Opfer.

39. Der humanistisch-moderne Islam teilt die Welt mit anderen Religionen und Weltanschauungen.

40. Nur ein liberaler Islam ist zukunftsfähig.

 

Statt diesen mutigen Akt zu unterstützen, hat sich der evangelischer Pastor der berühmten Berliner Gedächtniskirche, Martin Germer, nicht entblödet, in einem öffentlichen Brief diese 40 Thesen und diese mutige Tat wie zu nennen? Effekthascherei.

Der Islam-Reformer Abdel-Hakim Ourghi hat für seine 40 Thesen die Dar-as-Salam-Moschee in Berlin Neukölln mit Bedacht ausgewählt. Die Freitagspredigten des Imams dort hält er für „sehr bedenklich und auch nicht vereinbar mit dem Grundgesetz“.

Was vorauszusehen Politiker nicht vermögen, da ihr Denken eine Zeitspanne von höchstens vier Jahren umfaßt, dem können wir Schriftsteller in unseren geschützten Rückzugsräumen Gestalt geben. Was wir uns ausdenken, ist denkbar, was wir schildern, könnte geschehen.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat in seinem Roman „Unterwerfung“ episch vorgeführt, wie es wurde, wie es kam. Nämlich die Unterwerfung der Elite eines europäischen Landes des 21. Jahrhunderts unter den regierenden Islam.

Bei Michel Houellebecq ist es die Hingabe der französischen Elite an den von der Öl-Macht in Aussicht gestellten und großzügig finanzierten Luxus. So unterwirft man sich gern. Luxus und Vorrechte selbstverständlich besonders für Männer. Frauen müssen ihre öffentlichen Positionen räumen, und jeder Mann hat das Recht auf vier Ehefrauen. Dafür gibt der Protagonist seine jüdische Geliebte auf, sie flieht nach Israel.

Houellebecqs Roman ging ein anderes Buch voraus, der Roman „J“ des englisch-jüdischen Schriftstellers Howard Jacobson. Darin gibt es einen ständig wiederkehrenden Satz: „Was geschehen ist, falls es geschehen ist“.

Was Europa an Vergangenem und Künftigem zu seinem Verfall bereithält, schleppt dieser Satz durch den Roman bis ins Bodenlose.

Die beiden Protagonisten, Frau und Mann, sind als Juden Gezeichnete. Und als Gezeichnete tragen sie ein Vorwissen in sich, das Vorwissen der dauerhaft Ausgesonderten. Hilfreich zum Leben ist das nicht. Hilfreich im Sinne von bequem und gut leben, wäre bei dem Autor Howard Jacobson auch nicht die Unterwerfung unter den Islam, denn in seinem Roman sind die Mächtigen der Öl-Welt und ihre rabenschwarz verhüllten Frauen heimatlose Dauergäste in den Luxusherbergen der europäischen Nekropolen.

Und die deutsche Literatur zum aktuellen Thema? Deutsche Schriftsteller heute erzählen von deutscher Menschlichkeit. Danach gibt es begreiflicherweise ein großes Verlangen.

Von einem in Europa expandierenden, demokratiefeindlichen Islam, der unsere Zivilisation verändern wird und durchaus ruinieren kann, davon weiß deutsche Literatur offenbar noch nichts.

Was könnte geschehen? Das könnte geschehen: Die Vertreibung der Juden aus Deutschland, aus Europa. In Frankreich wurden gezielt Juden ermordet von islamischen Attentätern. Aus Frankreich fliehen bereits Juden nach Israel. Die muslimische Welt wird nicht Ruhe geben, solange Israel existiert.

In dem Wunsch nach Sicherheit akzeptieren in Europa zunehmend Regierungen und Institutionen den Judenhaß der Muslime. Es wird in Deutschland eine Muslimpartei geben. Vielleicht auch zwei. Erst eine liberale und dann eine konservative. Oder umgekehrt. Man wird dem deutschen Islam nahelegen, vor dem Hintergrund der historischen Schuld Deutschlands bei öffentlichen Kundgebungen die Juden bitte sehr wegen Auschwitz nicht mehr zu hassen als sich ziemt.

Mit dem legitimierten muslimischen Judenhaß wird die Einschränkung der freien Meinungsäußerung in Europa zunehmen. Zensur aus Gründen des Respekts vor der islamischen Religion. Vielleicht zuerst in Deutschland, wo man dieses Entgegenkommen begründen könnte mit dem Niederbrennen der Synagogen in der sogenannten Reichskristallnacht 1938, und was dem folgte. Unwahrscheinlich ist das nicht.

Danach, unterstützt von der Textilbranche, stoffreiche modische Kreationen von Burka/ Niqab/Tschador. Feministinnen werden dazu schweigen. Die Frauenbewegung ist gesättigt, sie befriedigt sich seit Jahren an der Existenz eines CDU-Bundeskanzlers als Frau.

Und das links-grüne Milieu begrüßt die Muslima gern verschleiert als Zeichen ihres Selbstbestimmungsrechts in der freiheitlich demokratischen Moderne gegen diese Moderne, in der man sich bloß zum Karneval vermummt oder zum Banküberfall.

Deutschland steht am Beginn einer neuen Epoche. Die Vergangenheit ist bewältigt, Ostdeutschland tipptopp restauriert, die jüdischen Zeitzeugen sterben einer nach dem anderen weg, muslimische Flüchtlinge treten an ihre Stelle, sehen sich als Verfolgte des zionistischen Systems im Nahen Osten, ihre Kinder und Kindeskinder werden deutsche Identität künftig mitbestimmen.

Könnte von Deutschland noch einmal ein Krieg ausgehen? Undenkbar scheint diese Vorstellung zu sein. Unter der Führung deutscher Politiker mit syrischen, afghanischen, irakischen, marokkanischen Wurzeln? Ein Vernichtungskrieg gegen Israel, gegen den Staat der Juden?

In Deutschland hat man es gern nett miteinander, man will nichts falsch machen, man fürchtet die große Gereiztheit der zerspaltenen Gesellschaft. So wandeln mit der Sicherheit eines Maulesels die guten Deutschen längs der Abgründe des Zweifels, dabei erfüllt von seliger Zuversicht. Das sah und wußte schon der deutsch-jüdische Schriftsteller Heinrich Heine.

 

 

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Deutschland feiert sich selbst

 

Wäre ein Kanzler gekommen? Die Kanzlerin kam jedenfalls nicht. Als in der Sylvesternacht in Köln die Domplatte und das Bahnhofsgelände zu einem rechtsfreien Raum wurden für Männer, die sich herausnahmen, was sie wollten gegen Frauen, denen die Polizei nicht zur Hilfe kam, erschien auch noch Tage später Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht in Köln, um sich dort mit den Frauen zu solidarisieren gegen die anonymen Männerhorden. Die stammten aus dem islamisch-arabischen Raum, erklärten, von „Mamma Merkel“ eingeladen worden zu sein, und in dieser Nacht demonstrierten sie den Deutschen, was sie von unserer Zivilisation halten – nämlich nichts.

Wer nicht unmittelbar betroffen ist, wem nicht die Container für mindestens 500 muslimische Flüchtlinge vor die Nase gesetzt wurden, der kann sich erheben über die besorgten Bürger, zu denen übrigens Onkel Ali aus dem türkischen Gemüseladen nebenan gerechnet werden muß. Hört man ihm zu, so hört man, wovor auch prominente, deutsche Muslime öffentlich warnen:

Vor den faschistischen Strukturen des Islams, der Unterwerfungskultur, die in den Familien tief verwurzelt ist, ebenso Frauenverachtung und Homophobie, und völlig normal ist diesen Menschen ihr anerzogener Judenhaß. Aber diese Kritiker stören, und ihre Warnungen versacken im Schaumteppich der Selbstzufriedenheit intellektueller Tonangeber.

Minderjährige Mädchen, nach islamischem Recht verheiratet, schwanger, schon Mütter, sind mit dem Flüchtlingsstrom gekommen. Diese Ehen verstoßen gegen deutsches Recht. Vollverschleierung ebenso. Hierzulande vermummt man sich zum Karneval oder zum Banküberfall. Statt aber diese Familien auszuweisen, regiert Berlin mit der totalitären Logik der vollendeten Tatsachen. Als könne man nichts dagegen tun. Doch aus Duldung von Ungesetzlichem wird Gewohnheitsrecht.

Man ist beseelt davon, der Flüchtling, neuerdings sprachlich schöner noch: „der Geflüchtete“, er ist ein Opfer. Daß hierbei durchaus auch Überheblichkeit das Denken leitet, entgeht den Gutmeinenden. In diesem Dunst läßt es sich eine Art Betreuungswirtschaft gutgehen. Juristisch und therapeutisch Geschulte halten Abgeschobene nach allen Regeln der Kunst über Monate im Land fest. Die Männer, es kamen zu über 80 Prozent Männer, dürfen nicht arbeiten, werden unzufrieden, radikalisieren sich. Und im Gegenüber zu ihnen wächst Unmut, Wut wächst im Land, auch häßliche Wut.

Die Regierung Merkel/Gabriel hat in den vergangenen Jahren bei Bildung, öffentlicher Sicherheit, sozialem Wohnungsbau rigoros gespart. Und auf einmal ist Geld da, auf einmal braucht man Lehrer, und es kann gebaut werden, wo bauen verboten war. Von den Kommunen wird auf dem Wohnungsmarkt zu jedem Preis alles angemietet, um Flüchtlinge unterzubringen. Das befördert nicht den sozialen  Frieden, dafür aber die existierende Wohnungsnot samt Höchstmieten.

Um die 3000 gefälschte Flüchtlingspässe wurden vom Migrationsamt eingezogen. Wurden sie der Polizei ausgehändigt? Ach, i wo. Durchgewunken. Stillschweigend legitimiert von oben. Um dann auch davon schweigen zu können, daß aller Mutmaßung nach weit mehr Flüchtlinge mit gefälschten Dokumenten unentdeckt blieben und bleiben werden. Als gäbe es nichts zu befürchten.

 

Cicero – Magazin

für politische Kultur

 März 2017

 

©Viola Roggenkamp

 

Dieses Deutschland feiert sich selbst. Wirtschaftsgroßmacht, Fußballweltmacht, Integrationsmeister. Es kann sich nicht genug darin tun, der Welt zu zeigen, wie vorbildlich es ist. Beifall kam vom Ausland, Lob kam von Überlebenden der Schoa. Das war nicht etwa mehr als man zu hoffen gewagt hätte.

Ist dies die ersehnte Idealität? Oder sehen wir das wahnwitzige Nachspiel der Vergangenheitsbewältigung? In diesem Nachspiel will Deutschland seine Menschlichkeit beweisen, und siehe da, es ziehen mit dem Islam Gepflogenheiten ein, die großzügig toleriert werden, obgleich sie faschistisch genannt werden müssen. Und es scheint völlig egal zu sein, daß man nebenbei den Boden bereitet für Fanatiker von welcher Seite auch immer.

Wenn man bedenkt, was es uns gekostet hat, da hinzukommen, was heute hierzulande Menschenrecht ist. Man muß staunen, über die Leichtfertigkeit, mit der Gleichberechtigung vernachlässigt wird. Die Frauenbewegung rührt sich nicht. Sie ist gesättigt. Sie befriedigt sich seit Jahren an der Existenz eines CDU-Kanzlers als Frau.

Um die freie Meinungsäußerung könnte es bald auch gehen. Zensur aus Achtung vor der islamischen Religion. Man könnte in Deutschland ein solches Entgegenkommen begründen wollen mit dem Niederbrennen der Synagogen in der Reichskristallnacht 1938. Unwahrscheinlich ist das nicht.

Es ist diese Mittuerei, die dem deutschen Geschichtskörper eingeschrieben ist. Man will es nett haben miteinander, will nichts falsch machen und fürchtet die große Gereiztheit der zerspaltenen Gesellschaft. Deutlich empfindlicher als Westdeutsche reagieren Ostdeutsche auf das Meinungsdiktat einer merkelfrommen Medienmehrheit und auf diese Kanzlerin-Republik. Sie hält sich für alternativlos.

Ein Wort wie aus dem Sprachschatz der DDR. Es befördert schleichend die Entdemokratisierung, Seite an Seite mit einer repressiven Toleranz, die sich das Fremde zum neuen Idol erkoren hat: Deutschland möge bunter werden, endlich Weltniveau.

Darf man sich da wundern, wenn Ämter und Polizei, in dem Glauben, es richtig zu machen, gravierende Fehlleistungen begehen, wie sie in der Kölner Sylvesternacht geschahen und wie in deren Folge weitere Fehlleistungen geschehen sind und folgen werden, ja folgen müssen?

Besorgte Bürger indessen gelten in der Verleugnungskultur der repressiven Toleranz als islamophob, sind also krank und unbedingt sämtlich den Nazis, Pegida und der AfD zuzuordnen. Wo Flüchtlinge sich kriminalisieren, Kleinkriege, Vergewaltigungen, Anschläge stattfinden, spricht man recht großmaulig von „französischen Verhältnissen“. Deutschland, das ist beständig zu hören, könne Integration besser als Frankreich, als England. Derweil sehen Lehrer auf eine 3. und 4. Generation deutsch-türkischer Nachkommen, von denen eine nicht zu vernachlässigende Zahl nichts mehr zu wollen scheint, als sich dem radikalen Islam zu integrieren.

Es muß erklärt werden, weshalb man in Deutschland heute integrieren sagt und nicht assimilieren. Assimilierung ist ein Tabuwort, da es ein jüdisches Wort geworden ist. Es schleppt in sich den Juden von einst. Dem Muslim hingegen wird die Integration angeboten. Damit ist keine Zwangstaufe verbunden, wie bis ins vergangene Jahrhundert von Juden verlangt, wollten sie an der Moderne, an Wissenschaft und Kultur teilnehmen. Und sie wollten, und sie nahmen teil.

Das deutschsprachige Judentum war – mit Hannah Arendt zu sprechen – ein „durchaus einzigartiges Phänomen, das auch im Bereich der sonstigen jüdischen Assimilationsgeschichte nicht seinesgleichen hat, das sich unter anderem in einem geradezu bestürzenden Reichtum an Begabungen und wissenschaftlicher und geistiger Produktivität äußerte“.

Daß es hierzu kam, dafür mußte es Juden möglich sein, das Ghetto verlassen zu können, in welches das christliche Abendland sie über Jahrhunderte eingesperrt hatte. Für Teilhabe am öffentlichen Leben, an Bildung und Wissenschaft, an den Künsten, an Politik verlangte die moderne Gesellschaft von den Juden Anpassung in der Lebensführung, in Kleidung und Sprache. Und das wiederum war für Juden, die ihrer Orthodoxie entfliehen wollten, die willkommene Hilfe. – So sollte es für Muslime in Deutschland auch sein.

Ist das wieder denkbar? Die Vertreibung der Juden aus Deutschland? Aus Frankreich fliehen bereits Juden nach Israel. In Frankreich wurden gezielt Juden ermordet von islamischen Tätern. Die islamisch-arabische Welt wird nicht Ruhe geben, solange Israel existiert. Wird sich islamischer Judenhaß mit deutschem Antisemitismus zusammentun?

Einvernehmen darüber, auf den Judenhaß der Muslime Rücksicht zu nehmen, besteht unausgesprochen schon heute. Wo es sich machen läßt, vermeidet man, die Juden zu erwähnen. Und es läßt sich machen, es fällt gar nicht auf. Ausgenommen in den zwei, drei jüdischen Blättern gibt es in den Medien keine Berichterstattung über Hilfe von jüdischer Seite für Flüchtlinge. Etwa die israelischen Trauma-Experten, die hier Flüchtlingshelfer schulten. Ohne Personenschutz konnten sie nicht arbeiten.

Die Menschlichkeit, die man in Deutschland jetzt unbedingt zeigen will, sie wurzelt in einer halbbewußten Gesamtüberzeugung, nun endlich genug getan zu haben für die Vergangenheitsbewältigung der Juden. Desgleichen halbbewußte Überzeugung scheint zu sein, daß einem die Flüchtlinge aus der islamischen Welt besser passen als die Juden damals; von den Israelis heute überhaupt zu schweigen.

Bei Syrern, Afghanen, Palästinensern fühlt man sich erinnert an die eigene Vertreibung und Flucht aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern, und man erinnert sich sozusagen gern dieser eigenen Vergangenheit. Das ist mit den Juden nicht möglich. Wer erinnert sich da schon gern? Und nun und obendrein legen die muslimischen Neubürger auf deutschen Straßen, und sowieso im Internet, ihren Judenhaß in einer Unerschrockenheit dar, die ja den Deutschen nach Auschwitz verboten ist.

Es war stets Aufgabe der CDU/CSU, nationalistische Strömungen einzusammeln und zu dämpfen. Dazu ist diese Partei mit Angela Merkel als Vorsitzender nicht mehr imstande. Die rechtspopulistische AfD wird bei der Bundestagswahl im September obendrauf viele Proteststimmen bekommen, sie wird die Grünen, sie könnte die SPD überrunden, und sie wird womöglich mehr Sitze im Parlament erhalten, als sie vermutlich mit ihrem Personal besetzen kann.

Ich mache mich verdächtig. Was ich schreibe, ist Wasser auf die Mühlen von Nationalisten. Und hier hört regelmäßig das Denken auf. Man weigert sich zu begreifen, daß viel Schlimmeres geschieht, daß man das Schlimmste überhaupt ermöglicht: Die Regierung Merkel/Gabriel gemeinsam mit der sogenannten Opposition verhilft den Feinden der Demokratie dazu, das Unrecht zu benennen, das man selbst der Demokratie antut.

 

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„Und die SPD-Frauen, die werde‘ schier platze‘ vor Neid!“

 

Die CDU-Basis ist in Hochstimmung. Seit Wochen hinterläßt Angela Merkel, von einer Regionalkonferenz zur nächsten reisend, eine Spur, auf der ihr die gesamte Öffentlichkeit hinterherschnüffelt. „Wenn sie‘s hier sagen tät?“ Der Pfälzer Weinbaupräsident reibt sich die Hände. „Das wär pikant. Ausgerechnet in dem Doktor Kohl sein Revier.“ 

 Mit glänzenden Augen, im besten Sonntagsstaat am späten Freitagnachmittag erwarten rund 1500 Christdemokraten aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland die Frau, die wesentlich dazu beitrug, daß in rasanter Geschwindigkeit drei Spitzenmänner aus ihrer Bahn geworfen wurden. Außer moralischer Empörung, scheint sie nichts angetrieben zu haben. Das infame Wort vom „Kohl-System“ stamme von ihr, geht unter den älteren Herren die Runde. Diesem Wort hänge DDR-Geruch an.

Es sind nicht nur Merkel-Sympathiesanten gekommen, gleichwohl sind alle ausschließlich an ihr interessiert. Dabei soll die CDU-Basis sich über den Spendenskandal aussprechen, allein zu diesem Zweck ist Angela Merkel in ihrer Eigenschaft als Generalsekretärin unterwegs. An ihrer Seite einer der drei geknickten Spitzenmänner: Wolfgang Schäuble. Der andere, Helmut Kohl, schwebt unsichtbar und ein wenig melancholisch lastend an diesem Vorfrühlingstag über der zum bersten voll besetzten Burgherrenhalle in Kaiserslautern-Hoheneck, während von Volker Rühe überhaupt nicht mehr die Rede ist.

Bis sie kommt, interviewt die Presse die Leute von der Basis, um ein paar originelle O-Töne zu sammeln. Die Leute von der Basis reden vor Mikrophon wie Politiker: „Ich bin der Überzeugung, daß die Frau Doktor Merkel Kompetenz und ...,“ so weiter; auf einmal steigt von draußen der Stimmenpegel an. Fotografen hetzen herein. Ein dichter Pulk dunkel gekleideter Männer schiebt sich wie ein Rammblock durch die Masse. Am Podium angekommen wird Angela Merkel sichtbar. Sie steigt rechts

 

Die Zeit

16. März 2000

 

©Viola Roggenkamp

 

die wenigen Stufen festen Schrittes herauf, während links Wolfgang Schäuble die kleine Rampe hochrollt, in großer Anstrengung und aus eigener Kraft; das scheint wichtig zu sein. Ein Saalordner schreit die Fotografen an: „Nicht, wenn er hochfährt!“ Es ist schon passiert.

Da erheben sich alle Menschen im Saal, um ganz deutlich ihn mit überwältigendem Applaus zu ehren. Auch die CDU-Generalsekretärin klatscht in ihre Hände. Aber nicht lange. Dann geht sie zum Redepult, und so wird auf einmal Wolfgang Schäubles Applaus zu ihrem.

„Liebe Freunde“, hebt sie an, und bleibt in dieser Anrede sorgsam abgewandt von den Christdemokratinnen. Der ehemaligen DDR-Frau soll frau es wohl nachsehen, wiewohl sich inzwischen nicht einmal mehr CDU-Männer genieren, zumindest öffentlich auch die „lieben Freundinnen“ anzusprechen.

„Wir müssen das“, sagt sie, und alle wissen, was gemeint ist, „aus eigener Kraft restlos aufklären.“ Dann spricht sie von „mehr diskutieren“ und von „unten nach oben“. In ihrer Sprache klingt deutlich der forsche Dialekt der Hauptstadt an. Aber die Leute, scheint es, hören ihr weniger zu, als daß sie die Frau da vorn neugierig beäugen. Die als Parteivorsitzende? Warum nicht? Und die SPD-Frauen, „die werde‘ schier platze‘ vor Neid“!

Man applaudiert lebhaft, denn eben hat die mögliche Vorsitzende dazu aufgefordert, „in den Kampf zu ziehen, um SPD-Länderbastionen zu stürmen“. Nur Schäuble applaudiert nicht. Er applaudiert überhaupt so gut war gar nicht zu dem, was sie sagt.

Dann ist er an der Reihe, beginnt bedächtig und redet sich in eine Leidenschaft, neben der Angela Merkel blutleer wirkt. Er sagt, was er in den vergangenen Wochen schon so oft gesagt hat, nämlich daß „es uns, die Rechtsstaatspartei, zerreißt, wenn einer von uns glaubt, sich von dem befreien zu können, was Recht und Ordnung ischt“. Und wieder sind er und die Basis tief bewegt von diesen Worten. Seine eigene Verstrickung ist nicht etwa ausgelöscht. Sie gibt seinen Worten die Weihe. Er ist der abgestrafte und gestürzte Schmerzensmann, der die christdemokratische Zerrissenheit für sie alle übernehmen soll. Dafür verehrt ihn die Basis. Das ausdrucksstarke Wort tut ihnen gut: Zerrissenheit. Ganz ergriffen sind sie von dem Schmerz über die Schuld. Einer spricht aus, was viele denken: Der Herr Schäuble rede mit einer Kraft, als wollte er selbst für den Parteivorsitz kandidieren. Hundertfach verlegenes Lachen.

Aber diskutieren wollen die Leute nicht über den christlich-moralischen Spendensumpf. Sie sitzen da, wie eine dichtgefügte Masse Mensch. Bis zu dieser Minute liegen von über neunhundert verteilten Zetteln erst zwei Wortmeldungen dem Saalordner vor. Die Basis möchte lieber, daß von oben gesagt wird, wie’s nun weitergeht, ob die Frau Merkel nun kandidiere? Daß würde erst am 20. März bekannt gegeben, ermahnt Schäuble die Ungeduldigen, denn man müsse denen gegenüber fair sein, die auch kandidieren wollten „und jetzt nicht hier sind“. Aber, fügt er hinzu, „wer Ohren hat zu hören, weiß, was die Basis will“. Neben ihm sitzend, hat Angela Merkel die Nase tief abgesenkt und die Unterlippe eingezogen. Ein Bild korrekter Bescheidenheit.

Der Abend endet eine halbe Stunde früher als geplant. Zwei, drei Angriffe gegen die Frau im dunklen Anzug, werden von der Mehrheit im Saal mit Pfiffen und Buhrufen abgewehrt. Es scheint, sie soll es sein, und doch gibt es Unbehagen. Weniger gegenüber der Frau als Frau, eher gegenüber dem Menschen, der sie ist: vierzig Jahre DDR? Das macht was mit einem Menschen.

„Wir haben“, sagt sie mit starkem Ausdruck in ihrem Schlußwort, und unterbricht sich sofort, „nein – Sie! Sie haben jahrelang für die deutsche Einheit gekämpft, und ich habe auf der anderen Seite gesessen und gehofft, daß sich die durchsetzen, die Deutschlands Einheit wollen.“

Das sitzt. Man ist von sich selbst ergriffen und sieht berührt auf die Befreite. Angela Merkel scheint in diesem Augenblick die gerettete Tochter, ja, die Kopfgeburt des Vaters der Wiedervereinigung zu sein. Die nach Harmonie hungernde Basis stimmt inbrünstig in das von oben intonierte Deutschlandlied ein.

 

 

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Endlich!

Eine frohe Deutsche

 

Sie sei froh, Deutsche zu sein, hört man Angela Merkel des öfteren erklären, und auch, daß sie nach fast vierzig Jahren wisse, was es heiße, in einer Diktatur leben zu müssen, wie bedrückend es etwa gewesen sei, nicht einfach einen Brief aus der DDR nach Israel geschickt haben zu können.

Das ist allerhand und viel auf einmal an Assoziationsmöglichkeiten für das deutsche Publikum und sein Gemüt. Eine deutsche Frau, besser noch: ein deutscher Mensch,

 

taz- Schlagloch

 23. Mai 2000

 

© Viola Roggenkamp

 

viel besser noch: ein deutsches Opfer ostdeutscher Diktatur und seine ungeschriebenen Briefe an Juden. Wie soll die Öffentlichkeit das alles verstehen?

Angela Merkel wird wissen, daß sie durch die Wahl ihrer Worte an die NS-Zeit rührt, an die beiden deutschen Teilen gemeinsame Vergangenheit. Sie will zeigen, wie sie das macht: den heiklen Punkt berühren und dabei völlig unbefangen bleiben. Ein Fräulein Harmlos aus der ehemaligen DDR.

Die Originalformulierung „stolz darauf, Deutscher zu sein“, stammt von dem Österreicher Adolf Hitler. Seitdem war es in Westdeutschland niemandem gelungen, diese Phrase zu entgiften. Auch nicht Helmut Kohl durch hartnäckige Wiederholungen. Angela Merkel vermeidet das Wort „stolz“ wie jemand, der damit eigentlich überhaupt gar nichts zu tun hat.

Den Hitler-Staat als tatsächliche wie als erinnerte Vergangenheit gibt es im politischen Bewußtsein vieler Ostdeutscher vorwiegend aus dem Blickwinkel des verfolgten Kommunisten. Alles andere scheint abgespalten und auf Westdeutschland verschoben.

Die Wiedervereinigung mit ihrer Abrechnung gegenüber der deutsch-sozialistischen Vergangenheit hat diesem Selbstbetrug der Ostdeutschen, niemals Täter, sondern stets Opfer gewesen zu sein, neue Nahrung gegeben. Und das zur Zeit prominenteste Opfer ist Angela Merkel. Mit ihrem Pathos bringt sie die Erfüllung deutscher Erlösungsphantasien: In diesem Rührstück sind alle Rollen deutsch besetzt, endlich nicht nur die der Täter, auch die der Befreier, und vor allem die Hauptrolle, das Opfer, ist deutsch, christlich und arisch. Es kann jetzt seine nicht abgeschickten Briefe nach Israel dort sogar persönlich vorbeibringen.

 

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Schmerzensmann bin Laden

 

Was wird sein, wenn Bush ihn hat? Diese Zeitung wird mit Trauerrand erscheinen, Bin Laden, bin Opfer, wird sie titeln, und es wird vielen ein Fest sein, einen neuen Schmerzensmann zu haben, von dem sie zehren können. Sieht er dem Erlöser der Christen nicht überhaupt ein bißchen ähnlich?

Seit dem Anschlag auf Amerika, wird in Deutschland Einfühlung den Tätern gegenüber gezeigt. Eine nur auf ihren Vorteil bedachte Weltherrschaft habe die Tat provoziert. Den Toten gegenüber Betroffenheit, den Tätern gegenüber Verständnis, sie seien die wahren Opfer. Sagen wir nicht sofort, das hat eine besondere Tradition in Deutschland, aber verbieten wir diesen Gedanken auch nicht.

Es gab einen ersten Schock, und seitdem wird im öffentlichen Raum, in Diskussionen auf hohem Niveau, der massenmörderische Anschlag wegerklärt. Als eine besondere Leistung menschlicher Einsicht wirbt der

 

taz-Schlagloch

10. Oktober 2001

 

©Viola Roggenkamp

 

Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter dafür, man möge zu denken wagen, daß die Opfer ihre Ermordung mit verschuldet haben.

Das Streben nach Schuldübernahme, verfolgt man die Debatten in Deutschland, scheint ungeteilt zwischen den Geschlechtern, zusätzlich gibt es eine Ebene, auf der Männer unter sich frohlocken: die brillante Logistik des Anschlags wird bewundert, und Klaus Theweleit, der bekannt ist durch seine Arbeit über männliche Größenphantasien und männliche Destruktivität, bezeichnet die Zerstörung der beiden Türme des World Trade Centers als Anschlag auf den Doppelphallus westlicher Männermacht, als „Tritt in die Eier, der auch auf den Kopf zielte“ (taz vom 19.9.2001).

Als ginge es um ein Happening, als sei das Ziel der Selbstmord-attentäter nicht exakt der Ort gewesen, an dem zu diesem Zeitpunkt in USA die meisten Menschen versammelt waren. Wenn Theweleit diesen mörderischen Anschlag islamistischer Selbstmordattentäter als einen zerstörerischen Akt auf die männlichen Genitalien der modernen westlichen Welt bezeichnet, dann wird er wissen, daß er mitgetroffen wurde. Seine analytische Häme aber klingt nach Identifizierung mit den Tätern.

Der Wunsch nach Teilhabe an der drohenden Gewalt, das sich identifizierende Anschmiegen an die Täter, ist eine Möglichkeit, eigene Ängste abzuwehren. Ganz allgemein könnte das unter dem Streben nach Schuldübernahme und dem gezeigten Verständnis für die Tat liegen. Um seiner Tötung zu entgehen, bietet sich das potentielle Opfer an, ein Akt der Unterwerfung, eine Art Selbstkastration. Unaushaltbar scheint es, sich der eigenen Verletzlichkeit zu stellen.

Kastrationswünsche gegenüber dem Anderen verbinden sich mit der Vorstellung von eigener Vollkommenheit, einer Vollkommenheit, die es gar nicht gibt, eine männliche Vollkommenheit, wie sie sich kriegerische Männlichkeit zusammenphantasiert, wie sie in islamistischen Herrschaftssystemen mit brachialer Gewalt gegenüber Frauen ausgelebt wird. 

Jetzt ist die westliche Welt Ziel dieser Fanatikern geworden, die sich als Märtyrer des Islams verstehen. Gestern vor vier Wochen. So verletzlich sind wir. So einfach ist es, uns zu treffen in unserer hoch technisierten Welt.

Nach dem 11. September haben Juden in Deutschland einen Augenblick lang gehofft, nun werde man Israels Situation verstehen, und ich habe einen Moment lang gehofft, jetzt wird man endlich begreifen, daß der Terror, dem Frauen in isalmistischen Systemen ausgesetzt sind, nicht zu trennen ist von dieser Wahnsinnstat. Wir haben uns geirrt. Von Israel wird erwartet dafür zu sorgen, daß sich solche Anschläge nicht wiederholen, und von den Frauen ist gar nicht die Rede.

Männlicher Fanatismus, männlicher Frauenhaß, männliche Destruktivität und männlicher Größenwahn, das ist das Fundament von Faschismus. Auf diesem Fundament stand auch der deutsche Faschismus, Frauen sollten Söhne gebären, mehr nicht. Und auch der deutsche Faschismus hatte die Wahnvorstellung von einer jüdischen Weltherrschaft, genauso wie der islamistische Faschismus.

Daß der Koran diesen Faschismus nicht legitimiere, versichern mir Frauen und Männer aus diesen Ländern. Sie leben im Exil in Deutschland. So wie diese muslimischen Frauen hierzulande leben, wie sie sich kleiden, daß sie studieren und Geld verdienen, dafür würden sie in ihrer Heimat verhaftet, Körperteile würden ihnen abgehackt, sie würden zu Tode gesteinigt. Verboten ist den Frauen die sexuelle Selbstbestimmung, Frauen werden vorsätzlich abhängig und dumm gehalten. Israel inmitten der arabisch-islamischen Welt ist mit seiner Gleichberechtigung von Frau und Mann eine extreme Herausforderung für solche Systeme.

Was mit Frauen in Afghanistan und in anderen islamistischen Ländern geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Es ist zu befürchten, daß die westliche Welt trotzdem bereit ist, diese Verbrechen gegen Frauen weiterhin als kulturelle Eigenart der islamistischen Männergesellschaft zu tolerieren. Letztlich aber führt die Versklavung der Frau und ihre Vertreibung aus der Öffentlichkeit in gesellschaftliche Katastrophen, die männliche Größenphantasien hervorbringen. Eine davon war der 11. September.

Größenphantasien und Größenwahn haben mit Minderwertigkeitsgefühlen zu tun. Frau und Mann müssen in ihrer Seele damit fertig werden, nicht vollkommen zu sein. Es geht um die wechselseitige Anerkennung im Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit. Im gesellschaftlichen und privaten Zusammenleben versuchen wir, damit klarzukommen.

Die eigentliche narzißtische Wunde aber ist wohl gar nicht die geschlechtliche Unvollkommenheit, sondern die eigene Endlichkeit. Daß wir sterben werden, ist das einzige, was wir von unserer Zukunft wissen. Wir werden uns vielleicht einmal clonen lassen können, aber wir werden es nicht mehr sein. Nichts kommt dieser narzißtischen Verwundung gleich.

Faschistische Systeme arbeiten mit der Leugnung dieser narzißtischen Wunde, so rekrutieren sie auch ihre Selbstmordattentäter: Tödliche Macht über das Leben anderer, für den Mörder ewiges Leben, dazu 700 Jungfrauen im Paradies und 10 000 US-Dollar für die hinterbliebene Familie. Das Testament des einen islamistischen Selbstmordattentäters war ein Beleg dafür.  

Die eigene Endlichkeit beginnt mit dem Eintritt ins Leben, und den bewirkt die Frau. Nur aus der Frau kommt die Frau und kommt der Mann. Die Frau ist die Gebärende, durch sie beginnt der Ablauf der eigenen Endlichkeit. Vielleicht hat hier Frauenhaß und Mutterhaß in beiden Geschlechtern seinen Ursprung. Das Gefühl des Mangels mag sich festmachen am Neid auf die Potenz des anderen Geschlechts, die narzißtische Kränkung, nicht vollkommen zu sein, meint im Tiefsten der Seele die eigene Endlichkeit.

 

 

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Das Fernsehen schafft das Bild ab

 

Das Fernsehen schafft das Bild ab? Nein. So dumm ist nicht einmal das Fernsehen. Der Hörfunk schafft das Wort ab. Ja. Das ist tatsächlich wahr.

Intendanten und Programmdirektoren kürzen und streichen das gesprochene Wort aus ihren Kulturprogrammen. Das sind Leute mit Abitur und dem persönlichen Bekenntnis, die deutsche Sprache läge ihnen am Herzen. Da liegt sie und verstummt. Es verschwinden Magazine, halbstündige Gespräche, Essays. Im NDR beispielsweise Texte und Zeichen, eine der besten Kultursendungen, die es gab. Statt dessen Musik und Eigenwerbung.

Vorrang habe Kla-Po-Pu, so heißt es in Hörfunkanstalten, Klassik-Pop und Publikumssendungen „vor Ort“, Konferenzschaltungen von den spannenden Straßenfesten der Republik. Mittelmäßigkeit und Melodei. Herr Mustermann an die Macht.

Der gesellschaftspolitische Auftrag des Hörfunks ist nicht die Verdummung, doch sie wird systematisch betrieben. Warum machen das die älteren Herren in der Intendanz und Programmdirektion? Das sei jung, sagen sie. Sie haben es jetzt im Fuß, Rhythmus, Klassik-Pop. NDR, WDR, MDR, Hessischer Rundfunk, nun auch der SFB, der jetzt RBB heißt, Radio Berlin-Brandenburg. Überall schön einheitlich vier Viertel und sechs Achtel.

 

taz-Schlagloch

22. Oktober 2003

 

© Viola Roggenkamp

 

Dabei ist der ältere Herr im RBB eine Frau. Frauen und Sprache. Das weiß man doch. Das ist eine Einheit, eine geschlechtsspezifische Begabung. Nicht so bei RBB-Intendantin Dagmar Reim. Zum ersten Mal eine Frau an der Spitze eines ARD-Senders. Was haben wir uns gefreut! Feministinnen haben auch Margaret Thatcher immer zu schätzen gewußt, weil sie mit ihrer Betonfrisur und ihrem Handtäschchen die einzige war unter den graumäusigen Männern. Endlich eine Intendantin also, dazu neben sich als Programmdirektorin eine Frau aus Ostdeutschland. Vorbildlich!

Wie kommt eine Frau nach oben? Sie muß fünfmal besser sein als ein Mann. Dagmar Reim ist fünfmal besser als ein Mann. Gleich hat sie das frauenpolitische Magazin „Zeitpunkte“ am Wickel. Ab 1. Dezember soll es die „Zeitpunkte“ nicht mehr geben, nicht mehr wie seit vierundzwanzig Jahren gewohnt täglich eine Stunde. Das hat kein Mann vor ihr geschafft. Die frauenpolitischen Themen sollen stattdessen häppchenweise irgendwo im Klassik-Pop-Teppich über die Woche verteilt untertauchen.

Von Dagmar Reim gibt es ein geflügeltes Wort. Es flattert durch Interviews, die sie dank ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach der Ernennung zur Intendantin geben konnte. Die RBB-Frau behauptet, Kultursendungen würden inzwischen nur noch vom Redakteur gehört, seiner Frau und seinem Friseur. Mit anderen Worten: Ein Mann besitzt das Mikrophon und glaubt sich bedeutungsvoll, am Radio lauschen seine Lebensgefährtin und ein Schwuler. Schön, wenn jemand so festgefügte Vorurteile hat.

Man müsse die Jungen an sich binden, heißt es ganz oben in den Hörfunksendern der ARD, und junge Leute könnten gesprochener Sprache nicht länger zuhören als höchstens zweieinhalb Minuten. Sind das dieselben jungen Leute, die stundenlang telefonieren? Stundenlang e-mails schreiben und lesen? Stundenlang in der Schule und an der Uni diskutieren? Stundenlang im Fernsehen in Nachmittagtalkshows ihre Lebensprobleme ausbreiten und stundenlang Hörkassetten im Autoradio hören?

Der Markt der Hörkassetten boomt. Warum wohl? Die Mehrheit der Rundfunkhörer ist weiblich und über vierzig. Genauso wie die Bevölkerung. Und das ist der Trend. Das Alter ist im Kommen. Für jeden Menschen. Warum zahlen Frauen und ältere Menschen überhaupt noch Rundfunkgebühren? Die jungen Leute werden die Kulturprogramme hören wollen, wenn sie vierzig sind. Bis dahin sind alle gestrichen, weil zunehmend Programm für eine junge Minderheit gemacht wird, die ihr weniges Geld zuletzt an Rundfunkgebühren verschwendet, die sich ihre Musik aus dem internet holt, auf CDs schwarz brennt und untereinander verhökert.

Also, wozu und für wen die Vernichtung der Sprache im Hörfunk? Richtet sich das gegen Frauen? Oder gegen alle Erwachsenen ab vierzig? Viel einfacher, ganz einfach. Musik ist billiger. Qualifizierte freiberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu honorieren, die Reportagen, Interviews, Feature und Kommentare liefern, ist teuer. Und da alles teurer geworden ist, vor allem die neue Technik, erhält sich die Spitze in den Sendern durch Kla-Po-Pu (siehe oben) ihre horrenden Spitzengehälter. Der gesellschaftspolitische Bildungsauftrag, zu dem man sich verpflichtet hat, scheint diesen Leuten am Kla-Po-Pu vorbeizugehen, und die anderen werden arbeitslos. Zuerst die freiberuflichen Frauen. Dann die Schwulen. Und am Ende der Redakteur. (Aufgepaßt, Sie hat die Intendantin auch schon auf dem Zettel.)

Nur der SWR und der Deutschlandfunk halten noch am Wort fest, und da man den Südwestrundfunk im Norden leider nicht so einfach hören kann, hören immer mehr den DLF. Der wird nun zum gefragtesten Sender, denen geht es gut, und da streichen Intendant und Programmdirektor gleich wieder die Frauen. In Diskussionssendungen über Sozialreform, Rentenloch, Arbeitslosigkeit, Ganztagsschulen oder Brustamputation sind im DLF nur noch Männer als Experten zu hören.

Vor rund zwanzig Jahren erließ der Europarat eine Entschließung über „die Tilgung des Sexismus“ in der öffentlichen Sprache. Wer klagt das ein? Frauen müssen gefragt werden und zu Worte kommen. Da hilft nur Quotierung. Bei der Programmgestaltung wie bei der Besetzung von Gesprächsrunden.

Männer stört es nicht, wenn sie in Anwesenheit einer Alibifrau unter sich bleiben. Frauen müssen das kritisieren und mehr Frauen fordern. Die Feigheit einzelner Frauen kommt aus ihrem Bedürfnis, Männerrunden gefallen zu wollen. Doch je weniger Frauen sich durchsetzen, desto minderwertiger erscheint auch die einzelne Frau, die es zu etwas gebracht hat, desto minderwertiger erscheint die Sache der Frau, desto weniger hat man Lust, der Frau Platz einzuräumen.

Wenn es denn so wäre, daß es junge Leute gibt, die dem gesprochenen Wort nicht länger als zweieinhalb Minuten zuhören können, ist das ein Grund, sie zur Mehrheit machen zu wollen? Ist das nicht vielmehr verwerflich? Die Menschheit ist eine Gedächtniskultur durch gesprochene Sprache. Wer das untergräbt, fördert die Zunahme fühlloser Gewalt. Damit Erlebtes und Geschehenes zu Erfahrung werden kann und zu Einfühlung, bedarf es der Differenz. Die schafft das Wort, besonders das gesprochene und gehörte Wort. Nicht die Musik. Nicht das Bild. Phantasien entstehen beim Zuhören, nicht beim Zusehen. Der Hörfunk löscht nun diese wichtige Aufgabe des Wortes und damit seine eigene Bedeutung. Man sollte die Zuständigen entlassen.

 

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Eine Frau reicht doch

 

Öffentliche Bekenntnisse können von Vorteil sein. Gerade auch vor der Wahl in das höchste Amt, welches dieser Staat zu vergeben hat. Horst Köhler zum Beispiel hat noch vor der Bundespräsidentenwahl öffentlich bekannt, für Angela Merkel zu sein. Und sie ist für ihn. Er möchte, daß sie Bundeskanzlerin wird. Und Angela Merkel will Horst Köhler. Der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds ist ihr künftiger Bundespräsident, wenn sie etwas zu sagen hätte. Und das wird sie.

Ein internationaler Gelddirektor aus der Ehemaligen also. Nichts gegen Geld. Die Deutschen sprechen oft über Geld. Auch Angela Merkel spricht über Geld, und wie und wo und bei wem es eingespart werden kann. Horst Köhler wird sie darin unterstützen. Seine wichtigste Aufgabe als ihr Bundespräsident wird es sein, „den Menschen in unserem Lande“ (Merkel) dieselben Sparmaßnahmen schmackhaft zu machen, für die Rot/Grün demnächst abgewählt werden wird. 

Vor zweihundert CDU-Kreisvorsitzenden sagte Horst Köhler am vergangenen Samstag, im Falle seiner

 

taz-Schlagloch

11. März 2004

 

©Viola Roggenkamp

 

Wahl zum Bundespräsidenten werde er unbequeme Appelle zu weiteren Reformen an die Politik richten, oh ja, und er sage das in einer Phase, „wo ich davon ausgehen muß“, daß dann „noch ein Sozialdemokrat Bundeskanzler ist“, und er werde „im Prinzip den gleichen Ansatz haben, wenn dann hoffentlich jemand von der CDU - nämlich Angela Merkel - Bundeskanzlerin ist“.

Hat sich der internationale Sparkassendirektor damit als ein noch zu wählender Bundespräsident vorzeitig für das hohe Amt disqualifiziert? Wen schert das? Angela Merkel jedenfalls nicht. Ist nicht sie für ihn die kommende Kanzlerin? Ist er da nicht  qualifiziert, ihr Bundespräsident zu werden? Er, sagt sie, er habe „durch seine Äußerung deutlich gemacht, daß er das Amt des Bundespräsidenten als überparteilich versteht“. Das verstehe einer, wenn er nicht aus der DDR-Demokratie kommt.

Man höre auf die Stimme der Angela Merkel. Bei solchen Äußerungen ist es der kecke Mädchenton, mit dem sie für sich selbst frisch in die Bresche springt. Diese Frau mache keine Rechnung auf, deren Ergebnis sie nicht bereits kenne, heißt es mit bewunderndem Schauder in der CDU/CSU. Anders gesagt: Angela Merkel versteht es, von allem zu profitieren. Die CDU-Parteivorsitzende profitiert sogar vom westdeutschen Feminismus, den sie als einstige DDR-Frau wahrscheinlich verachtet. Aber für sich gebrauchen kann sie alles.

Der westdeutsche Journalist, der sie in der Berliner Humboldtuniversität vor Publikum als „erfolgreich, aber kalt“ bezeichnete, bekam von ihr prompt zur Antwort, sie verspreche ihm, sich künftig an den „menschlich warmen Männern“ ein Beispiel zu nehmen. Das Publikum applaudierte ihr nahezu einhellig, Feministinnen jubelten und sehen ihr nach, was sie keinem Mann nachsehen würden: daß nämlich Angela Merkel eine Frau als künftige Bundespräsidentin verhindert. Und diesmal hätte es geklappt.

Die CDU-Frau Annette Schavan wäre mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit Bundespräsidentin geworden. Doch Angela Merkel will keine Frau. Sie will sich selbst. Sie will Bundeskanzlerin werden. Sie will in zwei Jahren Gerhard Schröder ablösen. Sie will jetzt kein Mißtrauensvotum, sie will keine vorzeitigen Wahlen, sie will die noch verbleibenden zwei Jahre nutzen, um Posten mit Männern zu besetzen, die in ihrer Rechnung aufgehen. Solche wie Horst Köhler, solche, die ihr dankbar sind.

Ein Frauenpaar an der Spitze des Landes? Wenn sie Kanzlerin wird? Wie sähe das denn aus? Bislang hatten wir immer Männerpaare. Und das finden Männer auch gut so. Zuletzt Schröder mit Rau. Demnächst vielleicht Köhler mit Koch oder Stoiber mit Köhler oder Köhler mit Merz. Denn alle wollen dasselbe werden, Koch, Merz und Stoiber: CDU/CSU-Kanzlerkandidat. Und keiner will Angela Merkel. Wie sie Helmut Kohl auf offener Bühne gemeuchelt hat, weckt Kastrationsängste bei den Männern.

Wenn aber Gerhard Schröder und die SPD im Wahlkampf lieber Koch oder Stoiber als Herausforderer hätten, dann wird die CDU Angela Merkel wollen. Obendrein ist sie Ostdeutsche. Eine ostdeutsche Kanzlerkandidatin wäre völlig unberechenbar. Womöglich wird sie gewählt, weil die Leute im Westen mal was ganz anderes wollen und die im Osten endlich was Eigenes.

Angela Merkel und Horst Köhler, zwei die gut rechnen können, haben beide Wahlen bereits durchkalkuliert und unterm Strich das amtliche Endergebnis zusammengezählt: Sie wird in zwei Jahren Deutschlands erste Bundeskanzlerin sein, und er ist ab 23. Mai Deutschlands neuer Bundespräsident. Wozu noch Geld für die Wahlen ausgeben?

 

 

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Schuld allein ist nur der Feminismus

 

Was sie an ihrem Rivalen Roland Koch irritierend finde, ist Angela Merkel gefragt worden. Daß er so gut kochen könne, antwortete sie und machte dazu ihren meuchlerischen Augenaufschlag; der war sogar im Radio zu hören. Diese Frau ist nicht mehr aus dem Rennen zu nehmen. Gerhard Schröder möchte sie ins Bundespräsidentenamt wegloben, wie mancher CDU/CSU-Mann auch. Das wird keinem gelingen. Zwei Jahre vor der Bundestagswahl können wir das Ergebnis ankündigen: die neue Bundeskanzlerin wird Angela Merkel heißen. In Scharen werden enttäuschte SPD- und Grüne-Wählerinnen dieser Frau ihre Stimme geben und damit ungern doch unvermeidlich der CDU/CSU.

Die Rot-Grün-Regierung hat ihr emanzipatorisches Programm sechs Jahre lang nicht ernst gemeint und verspricht zum Ende hin wie am Anfang Ganztagsschulen. Von den Frauen verlangen SPD und Grüne so ziemlich alles, gegeben wurde fast

 

taz-Schlagloch

5. Januar 2004

 

© Viola Roggenkamp

 

 

nichts. Bloß ein erhöhtes Kindergeld. Die versprochene Ganztagsbetreuung fehlt, die Arbeitsplatzförderung für Frauen wurde nicht eingelöst. Das für Frauen schlechte Ehegattensplitting ist geblieben. Deutsche Frauen sollen Kinder bekommen und mit diesen Kindern mittags nach dem Essen Schularbeiten machen, sie sollen ihre alten Eltern und Schwiegereltern pflegen, und sie sollen im Beruf flexibel bleiben, heute Nürnberg und im nächsten Jahr Kiel, ihre Alten und ihre Kinder im Gepäck. Da kann eine Frau doch gleich CDU/CSU wählen und tut damit noch etwas für die Selbstverwirklichung wenigstens einer Frau, ausgerechnet der Frau, die den Patriotismus predigt. Zu deutsch: Vaterlandsliebe.

Angela Merkel wird die stolze Mutter einer stolzen deutschen Nation werden, an ihrer Brust trägt sie den Orden „Opfer des DDR-Faschismus“, und damit macht sie die Mehrheit im deutschen Westen glücklich, und die Mehrheit im deutschen Osten auch, denn die Mehrheit war ja immer dagegen. Sie selbst ist keine Mutter. Das macht nichts. Kinder für die Kanzlerin wird es heißen, und das wird die schlimmste Strafe für den deutschen Feminismus sein. Die linken Männer werden die Rückkehr zu den fundamentalistischen Werten des Patriarchats begrüßen: Kinder, Kirche, Fitness-Keller. Denn Schuld hat doch eigentlich der Feminismus. Wer sonst?

Weil die Frauen sich unbedingt selbstverwirklichen müssen und andauernd abtreiben, darum haben wir heute das Loch im Rententopf, die hohe Frauenarbeitslosigkeit, die Verblödung der Schulkinder, die wachsende Gewalt unter Jugendlichen und den seelisch und körperlich völlig verstörten Mann. Die ganze deutsche Gesellschaft können Frauen einem kaputt machen. Deutsche Politiker und Statistiker sehen ihren demographischen Turm wackeln und stürzen, sie sprechen von einer „sozialstaatlichen Katastrophe“, deren „Dynamik das Jahrhundertwerk des Rentensystems“ zerstören wird. Das haben die Frauen schon geschafft. So mächtig sind Frauen. Ein Kind in sich wachsen lassen und in die Welt bringen, kann nur die Frau. Der Mann kann das nicht. Bevor der Mann noch seinen eigenen Stammhalter gebastelt hat, ist er ausgestorben. Was ist da zu tun? Ist da noch was zu tun? Können Frauen noch etwas daran ändern, oder sollen wir uns aussterben lassen?

Sehen wir auf unsere Geschichte. Das ist nie verkehrt. Noch im 19. Jahrhundert galten Frauen als krank, die keine Kinder hatten. Die Nazis führten 1933 eine Sondersteuer ein für Unverheiratete. Später war diese Steuer auch von kinderlos gebliebenen Paaren zu zahlen. Beamtinnen wurde automatisch gekündigt, wenn sie heirateten. Ehestandsdarlehen waren für Frauen gebunden an ein Beschäftigungsverbot. Jede Lehrerin war bei ihrem Eintritt in den Schuldienst nicht verheiratet und eine Frau ohne Kind. Verbeamtet wurde sie erst ab ihrem 35. Lebensjahr. Hatte sie bis dahin kein Kind, würde sie keines mehr bekommen, davon ging man aus. Da sie aber nun unverheiratet und kinderlos war, hatte eine Lehrerin keinen Anspruch auf eine Lehrerdienstwohnung.

Unter der Last von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit galt die emanzipierte Frau, die „ihre natürliche Bestimmung verraten“ hatte, als entartet. Journalisten schrieben es, Politiker sprachen es aus, an den Stammtischen wurde es begossen. Und die damalige deutsche Frauenbewegung gab in dieser Vor-Nazizeit ihre besten und mutigsten Frauen auf, darunter auch Jüdinnen. Andere Frauenrechtlerinnen fanden sich, die dem neuen deutschen Ton entsprachen.

Das wird sich nicht wiederholen. Aber manches ist geblieben. Frauen, nicht Männern, wird der Vorwurf gemacht, es würden zu wenig Kinder geboren. Gefragt wird in Untersuchungen, ob die Emanzipation der Frau schuld sei. Hinsichtlich der Männer wird bloß erwogen, ob Umweltgifte ihre Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt haben könnten. Mehr nicht. Frauen werden immer gefragt, ob sie Kinder haben. Dagegen erfährt man über Männer des öffentlichen Lebens (auch in dieser Zeitung) nur etwas über den Vater: Sohn eines westfälischen Sparkassendirektors. Und nie ein Wort über die Mutter. Sohn einer westfälischen Hausfrau. Das ist doch nichts. Neun Monate Schwangerschaft, Tag und Nacht für dieses Kind dazusein, fünfzehn bis zwanzig Jahre Zuwendung und Arbeit. Das ist nichts. Dreieinhalb Minuten Zeugung. Das ist es. Was sind Zuwendung, Versorgung und Verläßlichkeit gegen das Sperma eines Sparkassendirektors?

Die beiden beliebtesten und mächtigsten Fernsehfrauen Deutschlands, die Talkmasterinnen Sandra Maischberger und Sabine Christiansen, haben zwar einen Mann, jede ihren eigenen, jedoch kein Kind. Das wird öffentlich regelmäßig benörgelt, damit das deutsche Mädchen lernt, beruflicher Erfolg kann für eine Frau nie die Erfüllung sein.

Eine Frau ohne Kind ist entweder egoistisch oder eine tragische Figur. Angela Merkel selbstverständlich ausgenommen. Es gab schon immer Frauen, die kein Kind bekommen konnten, und es gibt Frauen, die kein Kind haben aus individuell unterschiedlichen Gründen. Erleben wir zur Zeit einen Gebärstreik? Ach wo. Es fehlen bloß Kindergärten und Ganztagsschulen. Und vor allem fehlen Männer, die Väter sein wollen. Nur wenige Männer sind bereit, mit der Frau mitzuwachsen. Es gibt zunehmend tüchtige, im Beruf erfolgreiche junge Frauen, die ein Kind wollen, aber nicht allein, wie ihre feministischen Mütter, sondern mit Mann und zu gleichen Teilen. Bloß finden sie keinen, der das auch so will, der mehr will als Spaß, Sex, Spaß.

Die Frau ohne Kind bestätigt nur, was ihr nahezu jeder Vater vorlebt: die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf in der deutschen Gesellschaft.

 

 

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Das Alter ist im Kommen

 

Früher nachmittag, und ich muß zum Supermarkt. In meinem Korb klappern leere Joghurtgläser. Vorher noch rasch zur Bank, zum Geldautomaten. Ich öffne die Tür mit meiner Scheckkarte, und mit mir will eine junge Frau sich in den engen Raum hineindrängen. Was sie für cool und locker hält, ist plumpe Distanzlosigkeit, mit der will sie mich ältere Frau übertölpeln und an die Wand drücken. Sie könne sich doch schon mal ihren Bankauszug holen. Ich sage: Nein. Sie warten gefälligst draußen, bis ich hier fertig bin. In ihren Augen kalte Wut auf mich, die Ältere, die Mutter-Frau. Ich nehme mir meine Zeit. Nicht mehr, nicht weniger. Ich überprüfe die Anzahl der Banknoten. So ein Automat kann sich schließlich auch mal irren.

Vorm Supermarkt, gleich am Eingang, werde ich artig von Hinz und Kunz begrüßt. Schönen, guten Tag! in H

Hinz und Kunz ist etwas sehr Lobenswertes, nämlich die Obdachlosenzeitung von Hamburg, ich kann es jedoch nicht leiden, wenn ich geradeaus

 

taz-Schlagloch

24. März 2004

 

© Viola Roggenkamp

 

 

zum Container für leere Flaschen will und von links mich ein junger, großer Mann mit blondem Lächeln notdürftig ansaugt, damit ich ihm eine Spende gebe. Ich will jetzt nicht gut sein, ich muß meine auf dem Küchentisch liegengebliebene Einkaufsliste memorieren und fühle eine Hitzewelle in mir aufsteigen, bestimmt habe ich was Wichtiges vergessen: Milch, Honig, Butter, Knoblauch, Kartoffeln, Zwiebeln, Tee, Parmesan und was noch?

Vor mir am Gemüsestand eine kleine Alte in abgewetztem Mantel mit krummen Beinen und eisgrauem Haar. Ich sehe ihr beim Klauen zu. Zwei Knoblauchknollen steckt sie ein und ein Fläschchen mit frisch ausgepreßtem Orangensaft. Sehr vernünftig, alles sehr gesund. Sie ist vielleicht nur zehn Jahre älter als ich, sieht aber schlecht aus. Ich nicke ihr verschwörerisch zu. Überrascht lächelt sie, sofort verjüngt sich ihr Gesicht, und sie nimmt sich noch einen Apfel. Besorgt beginne ich ein Gespräch mit der Filialleiterin. Die kleine Alte entwischt derweil. Wir älteren Frauen müssen zusammenhalten. Vielleicht war sie doch schon an die 70, womöglich Mitte 70. Aber flink auf den Beinen.

Den schweren Korb überm Arm, in der andern Hand zwei Kilo Apfelsinen, so verlasse ich eine Viertelstunde später den Supermarkt und werde auf der Straße von einem Mann nach Kleingeld gefragt. Ein Bettler, viel jünger als ich. Mir tut der Rücken weh, mein einer Fuß schmerzt, ich hätte die schwarzen Pumps nicht anziehen sollen, aber Rock mit Joggingschuhen, das sieht schrecklich unelegant aus.

Sehen Sie nicht, sage ich zu ihm, daß ich beide Hände voll habe? Wie soll ich jetzt mein Portemonnaie für Sie herauskramen? Er zuckt die Schultern. Wenn Sie mir das nach Hause tragen, und dabei hebe ich meine schwere Last etwas an, dann gebe ich Ihnen zwei Euro, ich wohne hier gleich um die Ecke im vierten Stock. Er schüttelt den Kopf. Er will einen Euro umsonst, nicht zwei Euro fürs Schleppen. Dann eben keinen Euro von mir. Offenbar kann er sich sein täglich Brot leichter zusammenbetteln. Richtig, ich brauche noch Brot. Vor dem Bäcker der nächste Bettler. Er hält mir sein Plastikbecherchen hin und deutet stumm auf seine vier Köter, die wohlgenährt auf einer Wolldecke liegen und mich beäugen. Ich gebe nur älteren Frauen, sage ich, das habe ich so eben beschlossen.

Je älter ich werde, desto sicherer bin ich mir über das, was ich will. Ich gehöre zu der Generation, die länger lebt als sich das die Rentenpolitiker vor dreißig Jahren so dachten. Ich bin da, mich gibt es, ich will noch lange mitreden. Auf dem Bürgersteig zischen junge Baseballmützenträger auf ihren Fahrrädern an mir vorbei. Ich muß aufpassen. Sie nicht. Jedem werde ich meinen eisernen Krückstock zwischen die Fahrradspeichen halten. Ich werde eine biestige Alte mit einer harmlos aussehenden sogenannten Gehhilfe. Ich sehe die Helden über die Lenkstange ihres Mountainbikes stürzen, die Jogger, die mich rüde anrempeln, denen ihr Tempo wichtiger ist als meine Unversehrtheit, erschlage ich von hinten, und dem Auto, das mir gerade eben an der kleinen Querstraße um ein Haar über die Pumps gerollt wäre, verpasse ich eine lange, tiefe Kratzspur. Alte Kuh! Eine junge Frau sitzt am Steuer und beschimpft mich durch ihr offenes Seitenfenster, weil ich um ein Haar an diesem Nachmittag ihr Verkehrsopfer geworden wäre. Ich durchsteche mit der Stahlspitze meines eisernen Krückstocks ihren Hinterreifen, und vor Gericht werde ich freigesprochen, ich bin nämlich eine alte Frau und nur ein bißchen meschugge. Die Richterin nickt mir freundlich zu, das muß sie auch, immerhin hat sie es mir zu verdanken, daß sie da oben sitzt. Ich bin eine uralte Feministin. Ohne mich säßen die jungen Dinger weder hinterm Steuerrad ihres eigenen Autos noch in irgendeiner Position, sondern unter seinem Klingelknopf, in seiner Einbauküche, unter seiner Stehlampe.

Das Alter ist im Kommen. Große Aufgaben liegen vor uns. Wir brauchen eine neue Frauenbewegung, wir brauchen den Aufstand der alten Frauen. Wir leben am längsten, wir sind wichtig. Jung sind Frau und Mann in unserer Gesellschaft doch nur die ersten 30 Jahre, und davon bloß das dritte Jahrzehnt in geschäftsfähigem Zustand. Danach beginnt das Alter.

Wirtschaft und Werbung müssen wir umerziehen, mehr alte Filme ins Fernsehen, zurück zur Kultur, zurück zur Nachdenklichkeit und zum Zuhören. Breitere Bürgersteige für uns Alte, mehr Fahrstühle, kein Bahnhof ohne Gepäckträger, kein Fahrplanaushang ohne beigefügte Leselupe, Bankkredite auch für 80jährige, keine Altersgrenze bei Stipendien und Förderpreisen. Wir Alte haben Ideen, geben Geld aus, konsumieren, nach uns muß man sich richten. Aber wieso ist das Alter auf einmal im Kommen? Wem haben wir diese unerwartete Wertschätzung zu verdanken? Natürlich dem Mann, dem alternden Mann. Auf die Frauen hört ja keiner.

Der alternde Mann leidet. Sein Jugendlichkeitswahn bringt ihn zur Strecke. Alt, so glaubte der Mann noch bis gestern, alt werde nur die Frau, vor allem seine Frau. Doch seine Frau wird immer jünger. Bereits die dritte und erst recht die vierte könnte seine Enkelin sein. Der alternde Mann schluckt Potenzmittel, läßt sich Kalbshormone in den Hintern und ins Hirn jagen und rasiert sich den Kopf, damit die grauen Haare nicht zu sehen sind. Die junge, attraktive Frau an seiner Seite, sie, die ihn noch einmal Vater werden läßt, sie macht ihn furchtbar alt. Und das ist doch schön von ihr, denn sie ist die junge Rächerin der alten Frauen.

 

 

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Immer bereit! (Pionier-Gruß)

 

 

Und wann gibt es nun den Mißtrauensantrag? Läßt Angela Merkel jetzt Gerhard Schröder stürzen? Werden SPD und Grüne bald wieder auf der Oppositionsbank sitzen dürfen? Oder müssen wir mit ihnen noch zwei Jahre durchhalten bis zur Bundestagswahl?

„Nach menschlichem Ermessen“, sagt Angela Merkel, „sollte man erst einmal damit rechnen, daß wir zumindest nicht die Mehrheit haben, um die Mehrheit zu stürzen.“ Allerdings, sie sei „jederzeit bereit, Verantwortung zu übernehmen“, würde aber „die Oppositionsarbeit lieber auf die Klärung von Sachfragen konzentrieren, als jeden Tag darüber nachzusinnen, ob wir nun irgendwie ‘ne Mehrheit, die wir nicht haben, einsetzen können, aber wenn es so wäre“, jederzeit bereit sei sie, „den Schlüssel dazu haben nicht wir in der Hand, den hat die Regierung“.

Immer bereit. Das ist Angela Merkel. So kennen die CDU-Männer sie: Kohl, Rühe, Merz, Schäuble. Sie war immer bereit, selbst Hand anzulegen. Doch jetzt? Wer macht ihr das jetzt? Wer stürzt ihr Gerhard Schröder?

Sollen die SPD-Frauen den Bundeskanzler zur Vertrauensfrage zwingen und damit ausgerechnet der CDU-Frau den Weg ins Kanzleramt ebnen? Das Gift erlittener Demütigungen wirkte stets lähmend auf SPD-Frauen, doch die Reihe der nach Rache dürstenden Klageweiber ist schier endlos: Inge Wettig-Danielmeier, Anke Fuchs,

 

taz-Schlagloch

8. April 2004

 

©Viola Roggenkamp

 

Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus-Müller, Renate Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Christa Randzio-Plath und, ach, aber ausgerechnet für die CDU-Parteivorsitzende einen Genossen killen? Was weiß denn Angela Merkel von Solidarität? 

Sie wird der erste Bundeskanzler als Frau. Und Deutschlands Bundespräsident ist ein Finanzberater, ein Sparkassenpräsident, ein Direktor der Währungsunion, kurzum ein Mann, der gewohnt ist, nicht viele Worte zu machen, sondern mit gespitztem Bleistift Zahlen zu addieren. Zusammen wächst da, was zusammengehört. Sie wird ihm sagen, was er sagen soll; das Mädchen aus dem roten Osten. Sie hat ihn hochgebracht, er wird sie nach vorn bringen. Vereinigung auf höchster Ebene. Horst und Angela, zwei deutsche Demokraten, paarweise, bescheidenes Grau, jeder seine Aktentasche.

Schneller, schlanker, effizienter wünscht Köhler sich die Firma Deutschland, vorwärts und stets vergessen. Er weiß wie das geht, er hat Rechnen noch in der DDR gelernt. Genau wie sie. Dem Westen fehlte der Osten. Das sieht man jetzt.

Die Frauen im Westen haben alles falsch gemacht. Immer die linken Männer retten wollen, immer zeigen wollen, das frau auch als Frau - ja? Was denn? Na? – Na, also. Das überlaßt jetzt mal Angela Merkel. Laßt doch endlich mal diese Frau nach vorn, die hat den Willen zur Macht. Hat man das gesehen, wie sie neulich Helmut Kohl springen ließ? Zum Auftakt des Europawahlkampfes nahm sie ihn bei den Hörnern. Springen ist vielleicht unpassend, der Mann ist völlig aus dem Leim gegangen. Im Fernsehen zeigten sie es mehrfach, immer dieselbe Situation, obwohl die schon längst vorbei war und im wirklichen Leben nur einmal passiert ist, doch im Fernsehen immer noch mal. Sein Schnaufen und wie er nach Luft rang, seine herausquellenden Augen, seine schweißnasse Haut.

Ich sah es im Hotelzimmer. Ich war auf Reisen. Im Hotel stelle ich immer als erstes den Fernseher an. Ich habe zu Hause keinen mehr. Im Hotel will ich sehen, ob das Programm noch immer so schlecht ist. Schlechter. Es ist noch schlechter geworden. Talk-Show, Krieg-Show, Container-Show, Porno-Show. Helmut Kohl, schwitzend, dampfend, kurzatmig, noch kurzatmiger als einst Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl mit schwergängiger Zunge am Mikrophon, darunter die beflissen vorgereckten Hände von Angela Merkel: Applaus! Applaus! Und nach ihm sprach sie. Sie schien nicht in bester Form, irgendwie aufgedunsen. Die Politik macht was mit den Leuten.

Hat man schon mal einen Politiker gesehen, der an der Macht dünner geworden ist? Angela Merkel hat auch zugenommen, noch vor ihrer Kanzlerschaft mehrere Pfunde. Nur Westerwelle nimmt nicht zu, immer flink, immer hastig hechelnd. Trinken die Leute zu viel? Werden sie zu viel herumgefahren? Müssen sie so viel Platz einnehmen? Schlucken sie zu viel hinunter?

War es nötig, Hans Filbinger an dieser Bundespräsidentenwahl teilnehmen zu lassen? Wie oft hat die SPD das schon geschluckt, schon fünfmal. Als Marinerichter der Nazis ließ Filbinger in den letzten Tagen vor Kriegsende noch Todesurteile aufsetzen und ausführen, wegen kleinster Vergehen, zum Beispiel wegen Mundraub. Wer mochte davon all die Jahre gewußt haben? Viele Männer und Frauen. Deutsche Geschichte, das sind die Geschichten vieler Menschen. Endlich schrieb die Presse darüber und Filbinger mußte als Ministerpräsident zurücktreten. An Bundespräsidentenwahlen nahm er weiter teil. Warum empörten sich SPD und Grüne darüber diesmal? Warum nicht jedesmal? Aber nun gut, wenigstens diesmal.

Warum also Hans Filbinger? Warum Michael Stich? Warum Jette Joop? Warum Gloria von Thun und Taxis? Stich natürlich wegen der Sportler und Wolfgang Joops Tochter wegen der jungen Karrierefrauen, Gloria von Thun und Taxis wohl wegen der Taxifahrer und Filbinger doch wahrscheinlich, damit sich die alten Nazis repräsentiert fühlen konnten, und die jungen Nazis auch. Angela Merkel fand das völlig in Ordnung und konnte die Empörung über die Teilnahme des 90jährigen ehemaligen NS-Richters an der Bundespräsidentenwahl gar nicht verstehen.

Deutschland sei „ein Land mit einem hohen Bedarf an Harmonie“, hat Frau Merkel erkannt. „Aber die Einigung ist kein Wert in sich. Wenn man sich auf das Falsche einigt, kann sich die Sache wieder nach hinten bewegen.“ Und da steht Guido Westerwelle. Mit ihm hat sich Angela Merkel auf Bundespräsident Köhler geeinigt, den wir nicht mehr bloßstellen dürfen, weil ihn nun das höchste Amt bekleidet. Aber gegen Westerwelle dürfen wir noch. Der wird Deutschlands Außenminister, sobald Angela Merkel Kanzlerin ist. Das muß man sich mal vorstellen. Kann sich das außer Westerwelle überhaupt jemand vorstellen?

 

 

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Der Mann in der Lücke

 

Nur ganz früh morgens, wenn die Pädagogen in die Schule müssen, oder ganz spät abends, wenn die Karrieristen ihre In-Lokale endlich verlassen, bekomme ich einen Parkplatz in meiner Straße. Sonst nie. Gestern mittag mußte es aber sein. Mein Wagen war vollgepackt mit Wein und Mineralwasser. Ich erwartete vier Freundinnen zum Essen und Diskutieren. Es sollte Lammkoteletts an Kartoffelpüree mit frischem Pesto geben. Unser Thema würde diesmal die Frage sein: „War Anna Freud lesbisch?“, und kein Parkplatz vor meiner Haustür oder auch nur in der Nähe.

Ich fuhr die Straße langsam suchend ab und entdeckte einen Mann, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig, der in seinem geparkten Auto hinterm Steuerrad saß. War er gerade gekommen? Würde er wegfahren?

 

taz-Schlagloch

13. September 2000

 

© Viola Roggenkamp

 

 

Ich hupte fragend. Er reagierte nicht. Sein Fenster war heruntergelassen. Sein Arm hing heraus. Nach intensiver Anstrengung, mich bemerkbar zu machen, wandte er sich mir mit dem Ausdruck völliger Überraschung zu, hob die Augenbrauen, öffnete breit die stählernen Kinnladen und schüttelte schmerzlich grinsend seinen Kopf.

Es soll inzwischen Menschen geben, die in ihrem Auto sitzen, um den Parkplatz zu genießen, den sie sich erobert haben. Dieser Mann hier, der sich betont unverkrampft gab, wirkte schwer gereizt. Ein großer Junge mit Stoppelkopf in einem teuren, schnellen Auto. Da ich nicht wegfuhr, sondern den Motor abstellte, um auf seinen oder einen anderen Parkplatz zu warten, stieg er langsam aus. Teure Knitterware umhüllte seinen trainierten Körper.

Er rollte die Schultern, warf einen ernsten Blick ins Autoinnere und ging prüfend um den Wagen herum. Mit der Fußspitze tippte er gegen eine Radkappe, sah dann auf und hinweg über mich in meinem Wagen. Er schien auf jemanden zu warten und würde also aller Voraussicht nach demnächst wegfahren. Ich machte es mir bequem und dachte an Freuds Tochter. 

„Anna Freud“, schreibt der Psychiater Uwe Henrik Peters, „hätte die große Mutter oder die große Lesbierin ihres Jahrhunderts“ sein können. Wieso nicht beides? Menschen werden so einseitig wahrgenommen, wie man sie (unbewußt) wahrnehmen will. Zum Beispiel entwickelte der dynamische Junge vor meiner Windschutzscheibe auf einmal einen Sauberkeitsfimmel, wie er selbst ihn wahrscheinlich nie sich, sondern nur Hausfrauen unterstellt haben würde.

Er war vor seinem Kofferraum stehen geblieben, mit offenem Jackett, die Hände in den Hosentaschen, bückte er sich über die Heckklappe seines Autos und legte dabei den Kopf schief. Auf diese Weise konnte er im Licht der dunstigen Septembersonne den Lack seines Wagens besser prüfen. Er hatte etwas entdeckt. Auf dem Lack. Ganz deutlich. Etwas, was  da nicht hingehörte. Er zog seine linke Hand aus der Hosentasche und tupfte mit dem Zeigefinger auf das Etwas auf dem Lack. Dem Etwas hatte die Berührung seines Fingers offenbar nichts anhaben können. Er überprüfte die Sachlage, gebückt mit schräg gelegtem Kopf. Ja. Der kleine Fleck war noch da. Er steckte, ohne den Blick von dem Etwas zu wenden, seinen Zeigefinger in seinen Mund und versuchte es mit Spucke. Das Etwas war weg. Er war zufrieden. Er sah auf und war unzufrieden. Ich war immer noch da. Er ging um den Kofferraum herum, öffnete die vordere Wagentür und beugte sich ins Autoinnere.

Das Innere seines Wagens ist der Innenraum des Mannes. CD-Halter, Handy-Halter, Bierflaschen-Halter und darüber trottelte ein Amulett am Rückspiegel. Einsteigen und weg, hinaus in die Welt. Aber nein. Er konnte nicht weg. Er mußte den Parkplatz hier halten. Sein unter hellem Knittertuch verborgener Hintern schob sich aus dem Autoinnern. Dann warf er die Wagentür zu. Nicht ohne vorher noch seinen Kopf herausgezogen zu haben.

„Als große Mutter“ werde Anna Freud nicht gesehen, hatte der Psychiater in seinem Aufsatz geschrieben, obwohl sie sich ihr ganzes Leben als Kinder- und Jugendanalytikerin „um das beste Wohl unendlich vieler Kinder“ bemüht habe. „Als Lesbierin nimmt man Anna Freud nicht wahr, obwohl sie über fünfzig Jahre lang mit ihrer Freundin Dorothy Burlingham unter einem Dach“ lebte.

Das ist wahr. Allerdings wechselten die Dächer, unter denen die beiden Frauen von 1926 bis zu Dorothys Tod 1979 zusammen waren. Das erste Dach, war das Dach von Mutter und Vater Freud. Anna zog mit ihrer Dorothy ein Stockwerk höher, über der elterlichen Wohnung ein. Keine der beiden Frauen putzte. Sie hatten Personal.

Der Mann schien mit dem Putzen seiner Heckklappe fertig zu sein. Aber da er sich gerade zufrieden aufrichten wollte, entdeckte er ein anderes Etwas, das dem ersten glich. Wieder steckte er seinen Zeigefinger in seinen Mund. Wieder betupfte er das Etwas mit seiner Spucke. Er hielt prüfend inne. Seine Spucke machte auf dem Lack einen eigenen Fleck. Der Mann sah es. Ein Fleck mit Rand. Das war gar nicht gut, das war überhaupt nicht gut für den Lack.

Er richtete sich auf, steckte seine Hände in die Hosentaschen und reckte das Kinn vor, gen Himmel. So, nach oben blickend und den Kopf etwas in den Nacken gelegt, konnte er besser in seinen Hosentaschen suchen. Er suchte nach einem Taschentuch. Er hatte keines bei sich. Wieso hatte er keines bei sich?  Er hatte keines mehr bei sich, seitdem er bei seiner Mutter ausgezogen war.

Er prüfte wieder den Lack in Schräglage und nahm den Zipfel seiner Krawatte, um den Spuckefleck samt Rand von seinem Auto zu entfernen. Mit vorgewölbtem Fischmaul hauchte er auf das lackierte Hinterteil und polierte dann rasch und tiefgebückt nach. Auffallend tiefgebückt. Das lag an der Länge seiner Krawatte, die ihn dazu zwang, seiner Hand und dem polierenden Krawattenzipfel mit vorgestrecktem Kinn folgen zu müssen. Er hatte seinen Kopf an der Leine, die eine Krawatte war, und diese Krawatte machte das Etwas weg. Er richtete sich auf und strahlte.

Auch ich war weitergekommen in meinen Überlegungen. Anna Freud starb sechsundachtzigjährig im Oktober 1982, ohne über ihre Lebensbeziehung mit Dorothy Tiffany-Burlingham je eindeutig Auskunft gegeben zu haben, was nicht unbedingt dafür sprechen mußte, daß es keine lesbische Beziehung war.

Ihn in seiner Parklücke hatte ich beim Denken nicht vergessen. Er mich auch nicht. Er sah auf meinen eingebeulten Wagen, schlank geworden in Jahren wachsender Parkplatznot. Ich sah, daß er telefonierte, den Blick gegen den Horizont gerichtet, wie bei der Befriedigung eines nicht öffentlichen Bedürfnisses.

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Da kam sie schon in ihrem Wagen, für die er den Parkplatz freigehalten hatte. Er rangierte sich heraus. Es dauerte, trotz Servolenkung. Schnell fuhr er davon. Ich wartete, bis sie es aufgegeben hatte, rückwärts einzuparken. Vorwärts ging es schon gar nicht. Langsam rollte sie weiter. Frauen müssen rückwärts Walzer und Foxtrott tanzen. Wieso sollten sie da nicht rückwärts einparken können? Ich nahm Maß und war drin.

 

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Unter Lindenblüten an der Elbe

 

Wir wußten, daß wir ein Gemälde aus vergangenen Tagen betreten würden, als wir auf die Lindenterrasse zusteuerten. Von Max Liebermann in Hamburg an der Elbe 1903 gemalt. Bereits damals waren die Linden auf dieser Terrasse nicht mehr jung, jedenfalls nach menschlichem Ermessen, aber für Bäume schon, und inzwischen wohl bald hundertfünfzig Jahre alt. Ihren Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode haben sich die Menschen von den Bäumen abgeguckt, die im Winter wie tot dastehen und im Frühjahr sich neu beleben; diese Linden, hoch über der Elbe, nun im zweiten Jahrhundert. Sie leben einfach weiter.

Geradeso wie die Geschichte der Menschen, die geht auch immer weiter, annonciert „Der Spiegel“ im ganzen Land. Seine Botschaft heißt: Deutschlands Vergangenheit werde die Gegenwart der Zukunft sein. Diese Beschwörung illustrieren farbige Plakate und Titelseiten, wie sie sich jeder Nazi gern über sein Bett hängen wird. Man spürt die Begierde nach

 

taz- Schlagloch

9. Mai 2001

 

© Viola Roggenkamp

 

Unausweichlichem, mit der in der Redaktion montiert wurde: Vor dem Brandenburger Tor Fahnen schwingende rechtsterroristische Jugend, dahinter aufsteigend Adolf Hitler, staatsmännisch. Sogar der Führer wäre mit dem Chefredakteur und seinen „Spiegel“-Mannen zufrieden gewesen.

Davon noch dreißig Jahre entfernt, hatte der Jude Max Liebermann die zu einem Blätterdach verschlungenen Baumkronen in frühsommerlicher Luft gemalt, beschwert nur mit der Süße des Lindenblütenduftes, hoch über dem Fluß, und nichts von dem fauligen Mief von unten, wie er stinken kann, nach totem Leben.

Vom Innern des Hotels, durch die großen Fenster und Glastüren, zeigte sich die Lindenterrasse an diesem Sonnabend in einer Weise besetzt, daß ich zunächst dachte, wir dürften sie nicht betreten. Herren in grauem Gehrock und kanariengelber Weste machten Front nebeneinander und gegeneinander, Damen unter großen Hüten, in sehr langen oder ganz kurzen Kleidern, lächelten zum Angriff; einige hochschwanger, andere magersüchtig, daß ihnen die Schulterblätter durch das rohseidene Kostümjäckchen stachen. Ein Hochzeitsempfang im Mai 2001. Für ihn waren zwei Drittel der Lindenterrasse reserviert.

Wir setzten uns ins dritte Drittel, und zwar so, daß wir auf die Elbe als auch auf die Gesellschaft bequem sehen konnten, dazu bestellten wir Tee und Apfelkuchen. Alle auf unserer Seite machten es so. Man sah auf die Reichen, denn Geld mußten sie haben, wenn sie sich das hier an der Elbchaussee bei Louis C. Jacob, Hotel und Restaurant, leisten konnten. Zwischen ihnen und uns war eine Abgrenzung, eine dicke Schnur, knietief gehängt, leicht zu überwinden und wirksam, wie eine Wand.

Wir kommentierten, was wir sahen, verhalten zunächst, bald ganz ungeniert, denn sie sahen nur sich, und folglich würden sie uns nicht hören, obgleich keine zwei Meter uns trennten. Nicht ein Blick von ihnen fiel auf uns Leute. Eigentlich ließen sie uns völlig in Ruhe, doch übersahen sie uns so konsequent, daß es etwas von Mißachtung hatte. Auf unserer Seite war man wenigstens gegen sie.

Das Paar an unserem Tisch, zwei Männer, beide schwul, der eine mit Ohrring, der andere von zwanghafter Selbstkontrolle, starrten gebannt auf den hochgeschäumten Protz hinter der Trennkordel: Jungunternehmer im Börsenrausch, nächste Woche im Konkurs, übernächste Woche unter einem neuen Label. Bieder lauernd die Männer, standesgemäß frivol die Frauen an ihrer Seite, denn zu jedem Mann gehörte eine Frau, und jede dieser Frauen hatte die Aufgabe, ihn und immer nur ihn anzusehen, wenn er zu anderen Männern sprach. Zwischendurch konnten sie sich frei bewegen. Man löffelte Suppe im Stehen.

Der Bräutigam tauchte am Weinausschank auf. Daß er der Bräutigam war, verriet außer dem kleinen Myrthesträußchen in seinem linken Knopfloch, sein verschlagener Blick, mit dem er Weinflaschen und Personal überflog. Seit heute durfte er es machen wie sein Vater, er war nun selbst Hausherr geworden, trat leise auf, dabei das gelbliche Gesicht mit dem spitz zulaufenden, flachen Hinterkopf ein wenig zur Seite neigend, das Ergebnis dauerhaft schlechter Körperhaltung, alt geboren und wahrscheinlich der einzige Repräsentant wahrhaft hamburgischen Wirtschaftsadels in der Meute seiner Gäste.

Der Braut taten die Füße weh. Der Vater der Braut mit Drittgattin, hatte sich übers Buffet gebeugt und inspizierte, seine Brille zur Stirn anhebend, mit darunter hervorhechelndem Blick die Weinmarken. Erdbeertorte kam. Man sagte Aaahhh. Das gehörte dazu.

 Eine Frau gab der Bedienung Anweisungen. Hartes Gesicht unter lackschwarzem Hut, am Zeigefinger knappste Anweisungen: Davon! Ein Glas! – Dann zum Kind neben ihr: Hier. Laß fallen. Wär‘ schade drum. – Von wem hatte die das? Von ihrem Urgroßvater, dem Korvettenkapitän? Von ihrem Großvater, dem SS-Offizier? Von ihrem Vater, dem Beamten im Auswärtigen Dienst?

Als einer von ihnen langsam seitlich gegen uns ein Bein hob, die Trennkordel überschritt, sein Handy am Ohr, den Blick auf die Schuhe gesenkt, da war es deutlich: Sie durften unseren Boden betreten, während wir ihnen dabei zugucken konnten. Er kam, um sich bei uns abzutelefonieren. 

Die Kinder konnten mehr. Ein zweijähriger Matrose von drüben lief zwischen unseren Tischen herum, den Blick seiner Mutter im Rücken, die schon wieder schwanger war. Sie gefiel sich in ihrer Fruchtbarkeit. Träge ließ sie ihr Männchen gewähren.

  Von unserer Seite mischte sich ein Geschwisterpaar drüben unter die Hochzeitsgäste. Blonde Schulkinder, die streng zurückgepfiffen wurden. Die Tochter, eigene Bedeutung suchend, eilte herbei und wurde dafür nicht beachtet, der Sohn kam verschleppend. Ein blonder Vater beugte sich gegen ihn hinunter, aggressiv mit schmalem Blick und angelegten Ohren als hätte der Junge von dort, von den Senkrechtstartern etwas mitgenommen und nun bei sich, was ihm, dem Vater, Angst machte.

Unser Apfelkuchen kam, ein Stück von der Größe einer Postkarte für sechs Mark. Er schmeckte nach Blei und Glitsch, war vor Tagen gebacken und mehrfach aufgetaut worden. Das Männerpaar hatte ihn mit Sahne bekommen, Sahne aus der Spritzdose.

Eine versehentlich gelandete Ringeltaube warf drüben ein paar leerstehende Gläser um. Die ersten gingen. Ein sich beim Sprechen mit Luft aufpumpender Mann, entließ zwischen Wortsilben aufstoßend seinen Atem in das Gesicht seines Zuhörers als Ausdruck eigener Bedeutung. Sonst passierte nichts. Kein aufsteigendes Lachen, kein anschwellendes Reden, kein Ausdruck von Freude entstieg ihren Hüllen.

Darüber die ineinander verschlungenen Lindenkronen vor einem der schönsten Ausblicke Hamburgs. Den Kuchen konnten wir zurückgehen lassen. Der Ober entschuldigte sich und servierte weitere Portionen davon am Nebentisch. Nichts paßte zusammen. Alles stimmte. Unter uns, in der Elbe, ging die Kultur gerade den Bach hinunter.

 

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Monolog einer Bamf-Frau

 

(© Viola Roggenkamp)

 

Früh im Amt, die Asylsuchenden hocken am Gang, da mach ich meine Tür erschtamal von innen zu. Ich muß schaun, obs neue Asylpakete hat, vielleicht a Herkunftsland, a neues sichres, wegen der Bleibeperspektive. 

Dann gehts an, irgendwie auf Deutsch und Englisch. Das Nötigste können die meisten schon, sind nicht erst seit gestern da. GibmeinGeldIchMannIchfickdichDu Nazi! Ich hab, nachm dreißigsten Arschloch hab ich selbst so gered und bekam einen Verweis. Jetzt halt ich meine Goschen. Wird schön bunt in Deutschland.

Einen Wachdienst könnt ma brauchen in den Dienststellen. Sitzen vor meinem Schreibtisch und holn sich einen runter, fummeln am Hosenschlitz, spieln mitn Taschenmesser, winseln, werden grantig, werden laut. Aggression pur. Nicht a jeder. Des is mir wichtig zu sagen, daß ich nicht in Verdacht komm und bin ein Rassist. Aber die Mehrheit, die is so, junge Burschen, die sind fit! Die ham a Ego! Fordern, verlangen. Respekt wollns. Geben tuns keinen.

Bei uns laufen die Telefone heiß. Kolleginnen aus Erstaufnahmelagern. Manch eine kippt den Job. Sogar mir rückens zu nah. I geh auf die Fuffzig! Nachat gibts a Dienstbesprechung, wie damit umgehen. Ja, wie denn? Die Mitarbeiterinnen sollen sich hochgeschlossen anziehen. Nächsten Tag warn zwei Kolleginnen krank gemeldet.

Wir täten gern Deutsche mit Migrationshintergrund zur Erstaufnahme in die Dienststellen schicken. Grad so Frauen, so deutsche Muslimas, die wollen nicht. Männer, deutsche Türken, die gehen in den Securitydienst, müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Jetzt aber, weil wir die Toleranz haben, da fragt ma nicht, bist du Muslim, bist du Christ? Bloß die Flüchtlinge, die tun sich ja grad unterscheiden nach derer ihrm Glauben. In den Lagern ist der Muslim in der Mehrheit, aber total. Und der Securitydienst, des sind fast alles Muslime von Deutschland her. Da sehen die Christen aus Syrien, ausm Irak, die sehen keinen Stich. Verprügelt hams die, und der Securitymann schaut zu.

Bei den Frauen genauso. An der Waschmaschine, da wird die Christin von der Muslima attackiert. Du mußt warten, du bist haram. Haram, des ist beim Muslim unrein. Du trägst ka Kopftuch, da bist du ka Mensch. Dein Bub ist unrein, der darf nicht spielen mit meinem Bub. So gehts da ab. In Turnhallen, Kasernen, Containerlagern, da regiert der Islam, da hat manch einer sei Stereoanlage, und da kriegens alle um die Ohrn, was der Imam spricht.

Beim Wachpersonal der Deutsche, der mischt sich nicht ein. Was soll der machen? Razzia? Nachat läufts weiter wie gehabt. Des muß ma hinnehmen, weils eben so arg viele hat. Die sind so. Die wollens nicht anders. Da kannst integrieren so viel du willst. Deutschland schafft die Integration! Ja, wie denn? Des is ka Dressur, ka Umerziehung, daß ma da aus jedem Muslim an kooperativen Deutschen macht. Des muß der Zuwanderer scho selbst wolln.

Es kommen Männer, Männer, Männer, sehr jung die meisten. Daß auf der deutschen Dienststelle da a Frau ihnen was sagt, was ablehnt, was verlangt, des ist für die, ja, das gibt’s für die überhaupt nicht. Dann reden die miteinand in ihrer Sprache,  ich solls nicht verstehen. Aber dem sein dreckiges Grinsen, des versteh i scho. Klar, die ham alle Druck. Nur, das ist es nicht. Die ham ka Respekt vor der Frau, und ich sitz da vor ihnen und hab die Macht. Da kriegen die einen Haß.

Was wir in Europa uns erkämpft haben, Gleichheit für Frau und Mann, für Homosexuelle, des tun die verachten. Und das gibt den Rechten bei uns Zulauf. Des is ja des. Die hassen den Muslim und profitiern von dem. Obendrein hams manches gemeinsam in derer Unterwerfungskultur. Da muß der Schwarzafrikaner im Sammellager, der muß die Klos putzen, der wird dazu gezwungen vom Araber, und nachts wird er am Klo vom Araber vergewaltigt. Der Muslim im allgemeinen, der fühlt sich diskriminiert, wann er putzen soll. Im Lager, wo es fast nur Mannsbilder hat, da muß a jeder anpacken. Gemeinschaftsküche sauber machen, Sanitärbereich, des muß der Schwarze und nachm Schwarzen der hellhäutige Christ. Des is die Realität. Wir an der Basis, wir wissen das alles. Wir kriegens ja ab. Der Job, der kostet scho Saft.

Die da jetzt klagen am Gericht, weils über ein Jahr warten tun aufn Bescheid vom Bamf, obs jetzt akzeptiert sind als Asylant, weils arbeiten wolln, weils raus wolln ausm Lager, des paßt ma gut. Wenntst als Sachbearbeiter oben was sagst, des bringt ja nix, maximal an Bandscheibenvorfall.

Syrien, ist klar, da ist Bürgerkrieg, des is scho schwer für die. Es kommen aber viele nicht von dort, und des sollst prüfen. Ja, erzählen Sie amal, wie schauts da aus in Syrien? Sagt der: alles kaputt. Dem Übersetzer wird gedroht. Passiert vor meiner Nase. I versteh eh nix, aber sehen tu ich es doch. Die Jungmänner ausm arabischen Raum, die legen Schulzeugnisse vor, picobello. 70 Prozent gefälscht. Wir wissen das. Aber des muß ma beweisen. Unschuldsvermutung. Wir sind ein Rechtsstaat. Also schiebst den Typen durch auf Wartehalde.

Es gibt welche, wo man es gleich merkt vom Zwischenmenschlichen her, da stimmts, da hilft man gern. Und schlüpfen ein paar Schlitzohren mit durch, paßt scho, die brauchts auch. Es is aber nicht an dem. Dreiviertel bescheißen uns. Des wissen wir. Und des wissen die. Die Männer ham ka Perspektive, da, wos herkommen, grad die Jungen nicht. Des is a Massenauswanderung. Die Frauen müssen Kinder kriegen, noch mehr Kinder, und die Söhne wandern aus, die ham dahoam ka Zukunft, die kommen zu uns und machen auf Asyl, weils müssen, weil Deutschland ka Einwanderungsland ist.

Ein jeder Antragsteller auf Asyl ist ein Einzelfall, des ist unser grundgesetzlicher Auftrag. Erkennungsdienstliche Erfassung, Fingerabdruck und Foto fürn Ausweis. Gibst du einen Abschiebungsbescheid, kriegt der aus seiner Community andere Papiere und geht damit zum Kollegen. Wir können unsere Arbeitsdurchgänge nicht pausenlos abgleichen. Die Flüchtlinge versorgen sich untereinander mit ihren Apps. Geben Auskunft über uns. Wo man wie am leichtesten durchrutschen kann. Apps und Tips gibts auch von deutschen Dschihadisten.

Eritrea, da gilts Leben retten. Frauen von da, die sind total eingeschüchtert, total traurig schaun die dich an, ka Energie, leblos. Die Integration von derer ihre Person? Wie soll das gehen? Die werden zu uns neischmissen und bleiben verloren. Der Eriträer hockt sich hin und wartet, bis er was kriegt. Ich hab noch nie einen gehabt, der einen Plan hatte.

Die aus Nordafrika, die wissen, was sie wollen. A bessres Leben. Asylanten sind des keine. Seit neuestem sinds sichere Herkunftsländer, aber es sind halt schon viele, viele da, verstopfen die Arbeitsabläufe im Amt, und den meisten Ärger machens obendrein. A paar hübsche Kerle hats drunter, aber saufrech. Schicken ihre Youngsters zum Klauen, jugendliche Einzeltäter, die kriegen ka Strafe. Des spitzen die scho, des wissen die alles. Ja, heißts dann, wir müssen Anreize schaffen. Schmarrn. Die hätt ma gar nicht reinlassen dürfen.

Nordafrikaner, da denkt der Normaldeutsche an Neger. Das sind ka Schwarze, die sind von Algerien her, von Marokko, Libyen, Tunesien. Des sind Looser, wo daheim scho auf der Straße warn in Gangs. Was solln die bei uns arbeiten? Wir sind ein hochtechnisiertes Land. Fabriken beschäftigen Roboter. Der Nafri, so sagen wir in der Dienstsprache zum Nordafrikaner, des spart Zeit, Umas, des sind die unbegleiteten minderjährigen Asylanten, der Nafri taucht ab in seine Community, kriegt a Taschengeld von uns, des reicht dem. 143 Euro sinds monatlich.

Bedenken hats von oben, es möcht den Flüchtling kränken, wenn ma dem das Geld auf die Refugee-Card gäb. Da könnens nix sparen für dahoam, da könnens ohne Bargeld niemanden schmiern. Und des wär wichtig. Bei den Schwarzen hats viele, die würden des akzeptieren. Der Muslim, der Araber nicht, der fühlt sich diskriminiert, dann ist der beleidigt. Da tu i immer staunen, was die für ein Anspruchsverhalten haben.

Welche verschwinden aus den Sammellagern. Immer sinds junge Männer, mal sechs, mal zehn, mal zwölf. Da ist die Lagerstatt leer am nächsten Morgen. Es sind ja freie Menschen, keine Gefangenen, gibt ka Anhaltspunkte, des man nach ihnen suchen müßt. Gibt noch keine Fingerabdrücke, keine Namen, nichts. Die haben Familie vielleicht und gehen dort hin. Gut, sind die schon amal versorgt. Oder auch nicht. Wo tauchen die ab? Neulich hats wieder an Zug geben von Niederbayern nachm Norden, ein paar hundert Flüchtlinge noch nicht registriert, 20 von denen halten den Zug an, Notbremse, hauen über die Gleise ab. Was wird aus denen?

Die jungen Mädchen, halbe Kinder noch sinds, fast alle schwanger, vergewaltigt auf der Flucht oder im Aufnahmelager. Da herrscht die Haltung vor, die muß man nicht einschulen, des is für der ihre Integration zur Zeit nicht zielführend, und sowieso haben wir zu wenig Lehrer. Was denn? Sind wir hier in Afghanistan und Nordafrika, daß man die Mädchen vernachlässigen kann?

Ein Kollege sagt mir, in der Kantine wars, in der Mittagspause, ja, wir Deutsche, wir sind auch so abgelehnt worden in der ganzen Welt wegen dem Adolf Hitler. Seine Eltern sind von Schlesien her, sei Mutter hat ihm erzählt, als kloans Mädchen hat der Russe ihr die Puppe weggenommen. Ich hatte Weißwurscht aufm Teller. Am Tisch a Kollegin sagt, des sei halal, die Weißwurscht, also rein, was beim Juden koscher ist. Dann erzählts beim Essen von der Aleppo-Beule. Im Fernsehen hätten sies gezeigt. Auf den Gesichtern von Kindern. Wie so a Pestbeule hats ausschaut. Ob man da aufpassen müßt im Publikumsverkehr, hat sie gefragt. Ich hab zugenommen in den vergangenen Monaten, Schokoriegel gegen den Frust. Für meinen Kollgen hat des alles was Schicksalhaftes. Deutschland muß helfen und holt sich zugleich den Dschihadismus ins Land und den IS. So sagt er. Des hab i gern. So richtig aufbauend is des.

Wir brauchen Menschen, Deutschland muß jünger werden, heißts von oben. Is des ka Aufforderung zum Einwandern? Der Asylant, der koana is, der hockt monatelang in der Erstaufnahme, von dort in die Gemeinschaftsunterkunft, in die Wohncontainer, noch ein Jahr und noch ein Jahr, derf net einwandern, derf net arbeiten. Daß da einer auf dumme Gedanken kommt? Es is a Wahnsinn. Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, wir brauchen Quoten. Oben blockiern sies. Weiß einer warum?

 

 

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