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„Trotzdem versuche ich, immer noch

Ordnung in

meine Gedanken

zu bringen und

aus dem Verworrenen ein Bild der Zeit

zu schaffen,

was ja

meine Aufgabe ist.“

 

(Der Maler Ernst Ludwig Kirchner um 1916)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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„Und die SPD-Frauen, die werde‘ schier platze‘ vor Neid!“

 

Die CDU-Basis ist in Hochstimmung. Seit Wochen hinterläßt Angela Merkel, von einer Regionalkonferenz zur nächsten reisend, eine Spur, auf der ihr die gesamte Öffentlichkeit hinterherschnüffelt. „Wenn sie‘s hier sagen tät?“ Der Pfälzer Weinbaupräsident reibt sich die Hände. „Das wär pikant. Ausgerechnet in dem Doktor Kohl sein Revier.“ 

 Mit glänzenden Augen, im besten Sonntagsstaat am späten Freitagnachmittag erwarten rund 1500 Christdemokraten aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland die Frau, die wesentlich dazu beitrug, daß in rasanter Geschwindigkeit drei Spitzenmänner aus ihrer Bahn geworfen wurden. Außer moralischer Empörung, scheint sie nichts angetrieben zu haben. Das infame Wort vom „Kohl-System“ stamme von ihr, geht unter den älteren Herren die Runde. Diesem Wort hänge DDR-Geruch an.

Es sind nicht nur Merkel-Sympathiesanten gekommen, gleichwohl sind alle ausschließlich an ihr interessiert. Dabei soll die CDU-Basis sich über den Spendenskandal aussprechen, allein zu diesem Zweck ist Angela Merkel in ihrer Eigenschaft als Generalsekretärin unterwegs. An ihrer Seite einer der drei geknickten Spitzenmänner: Wolfgang Schäuble. Der andere, Helmut Kohl, schwebt unsichtbar und ein wenig melancholisch lastend an diesem Vorfrühlingstag über der zum bersten voll besetzten Burgherrenhalle in Kaiserslautern-Hoheneck, während von Volker Rühe überhaupt nicht mehr die Rede ist.

Bis sie kommt, interviewt die Presse die Leute von der Basis, um ein paar originelle O-Töne zu sammeln. Die Leute von der Basis reden vor Mikrophon wie Politiker: „Ich bin der Überzeugung, daß die Frau Doktor Merkel Kompetenz und ...,“ so weiter; auf einmal steigt von draußen der Stimmenpegel an. Fotografen hetzen herein. Ein dichter Pulk dunkel gekleideter Männer schiebt sich wie ein Rammblock durch die Masse. Am Podium angekommen wird Angela Merkel sichtbar. Sie steigt rechts

 

Die Zeit

16. März 2000

 

©Viola Roggenkamp

 

die wenigen Stufen festen Schrittes herauf, während links Wolfgang Schäuble die kleine Rampe hochrollt, in großer Anstrengung und aus eigener Kraft; das scheint wichtig zu sein. Ein Saalordner schreit die Fotografen an: „Nicht, wenn er hochfährt!“ Es ist schon passiert.

Da erheben sich alle Menschen im Saal, um ganz deutlich ihn mit überwältigendem Applaus zu ehren. Auch die CDU-Generalsekretärin klatscht in ihre Hände. Aber nicht lange. Dann geht sie zum Redepult, und so wird auf einmal Wolfgang Schäubles Applaus zu ihrem.

„Liebe Freunde“, hebt sie an, und bleibt in dieser Anrede sorgsam abgewandt von den Christdemokratinnen. Der ehemaligen DDR-Frau soll frau es wohl nachsehen, wiewohl sich inzwischen nicht einmal mehr CDU-Männer genieren, zumindest öffentlich auch die „lieben Freundinnen“ anzusprechen.

„Wir müssen das“, sagt sie, und alle wissen, was gemeint ist, „aus eigener Kraft restlos aufklären.“ Dann spricht sie von „mehr diskutieren“ und von „unten nach oben“. In ihrer Sprache klingt deutlich der forsche Dialekt der Hauptstadt an. Aber die Leute, scheint es, hören ihr weniger zu, als daß sie die Frau da vorn neugierig beäugen. Die als Parteivorsitzende? Warum nicht? Und die SPD-Frauen, „die werde‘ schier platze‘ vor Neid“!

Man applaudiert lebhaft, denn eben hat die mögliche Vorsitzende dazu aufgefordert, „in den Kampf zu ziehen, um SPD-Länderbastionen zu stürmen“. Nur Schäuble applaudiert nicht. Er applaudiert überhaupt so gut war gar nicht zu dem, was sie sagt.

Dann ist er an der Reihe, beginnt bedächtig und redet sich in eine Leidenschaft, neben der Angela Merkel blutleer wirkt. Er sagt, was er in den vergangenen Wochen schon so oft gesagt hat, nämlich daß „es uns, die Rechtsstaatspartei, zerreißt, wenn einer von uns glaubt, sich von dem befreien zu können, was Recht und Ordnung ischt“. Und wieder sind er und die Basis tief bewegt von diesen Worten. Seine eigene Verstrickung ist nicht etwa ausgelöscht. Sie gibt seinen Worten die Weihe. Er ist der abgestrafte und gestürzte Schmerzensmann, der die christdemokratische Zerrissenheit für sie alle übernehmen soll. Dafür verehrt ihn die Basis. Das ausdrucksstarke Wort tut ihnen gut: Zerrissenheit. Ganz ergriffen sind sie von dem Schmerz über die Schuld. Einer spricht aus, was viele denken: Der Herr Schäuble rede mit einer Kraft, als wollte er selbst für den Parteivorsitz kandidieren. Hundertfach verlegenes Lachen.

Aber diskutieren wollen die Leute nicht über den christlich-moralischen Spendensumpf. Sie sitzen da, wie eine dichtgefügte Masse Mensch. Bis zu dieser Minute liegen von über neunhundert verteilten Zetteln erst zwei Wortmeldungen dem Saalordner vor. Die Basis möchte lieber, daß von oben gesagt wird, wie’s nun weitergeht, ob die Frau Merkel nun kandidiere? Daß würde erst am 20. März bekannt gegeben, ermahnt Schäuble die Ungeduldigen, denn man müsse denen gegenüber fair sein, die auch kandidieren wollten „und jetzt nicht hier sind“. Aber, fügt er hinzu, „wer Ohren hat zu hören, weiß, was die Basis will“. Neben ihm sitzend, hat Angela Merkel die Nase tief abgesenkt und die Unterlippe eingezogen. Ein Bild korrekter Bescheidenheit.

Der Abend endet eine halbe Stunde früher als geplant. Zwei, drei Angriffe gegen die Frau im dunklen Anzug, werden von der Mehrheit im Saal mit Pfiffen und Buhrufen abgewehrt. Es scheint, sie soll es sein, und doch gibt es Unbehagen. Weniger gegenüber der Frau als Frau, eher gegenüber dem Menschen, der sie ist: vierzig Jahre DDR? Das macht was mit einem Menschen.

„Wir haben“, sagt sie mit starkem Ausdruck in ihrem Schlußwort, und unterbricht sich sofort, „nein – Sie! Sie haben jahrelang für die deutsche Einheit gekämpft, und ich habe auf der anderen Seite gesessen und gehofft, daß sich die durchsetzen, die Deutschlands Einheit wollen.“

Das sitzt. Man ist von sich selbst ergriffen und sieht berührt auf die Befreite. Angela Merkel scheint in diesem Augenblick die gerettete Tochter, ja, die Kopfgeburt des Vaters der Wiedervereinigung zu sein. Die nach Harmonie hungernde Basis stimmt inbrünstig in das von oben intonierte Deutschlandlied ein.

 

 

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Endlich!

Eine frohe Deutsche

 

Sie sei froh, Deutsche zu sein, hört man Angela Merkel des öfteren erklären, und auch, daß sie nach fast vierzig Jahren wisse, was es heiße, in einer Diktatur leben zu müssen, wie bedrückend es etwa gewesen sei, nicht einfach einen Brief aus der DDR nach Israel geschickt haben zu können.

Das ist allerhand und viel auf einmal an Assoziationsmöglichkeiten für das deutsche Publikum und sein Gemüt. Eine deutsche Frau, besser noch: ein deutscher Mensch,

 

taz- Schlagloch

 23. Mai 2000

 

© Viola Roggenkamp

 

viel besser noch: ein deutsches Opfer ostdeutscher Diktatur und seine ungeschriebenen Briefe an Juden. Wie soll die Öffentlichkeit das alles verstehen?

Angela Merkel wird wissen, daß sie durch die Wahl ihrer Worte an die NS-Zeit rührt, an die beiden deutschen Teilen gemeinsame Vergangenheit. Sie will zeigen, wie sie das macht: den heiklen Punkt berühren und dabei völlig unbefangen bleiben. Ein Fräulein Harmlos aus der ehemaligen DDR.

Die Originalformulierung „stolz darauf, Deutscher zu sein“, stammt von dem Österreicher Adolf Hitler. Seitdem war es in Westdeutschland niemandem gelungen, diese Phrase zu entgiften. Auch nicht Helmut Kohl durch hartnäckige Wiederholungen. Angela Merkel vermeidet das Wort „stolz“ wie jemand, der damit eigentlich überhaupt gar nichts zu tun hat.

Den Hitler-Staat als tatsächliche wie als erinnerte Vergangenheit gibt es im politischen Bewußtsein vieler Ostdeutscher vorwiegend aus dem Blickwinkel des verfolgten Kommunisten. Alles andere scheint abgespalten und auf Westdeutschland verschoben.

Die Wiedervereinigung mit ihrer Abrechnung gegenüber der deutsch-sozialistischen Vergangenheit hat diesem Selbstbetrug der Ostdeutschen, niemals Täter, sondern stets Opfer gewesen zu sein, neue Nahrung gegeben. Und das zur Zeit prominenteste Opfer ist Angela Merkel. Mit ihrem Pathos bringt sie die Erfüllung deutscher Erlösungsphantasien: In diesem Rührstück sind alle Rollen deutsch besetzt, endlich nicht nur die der Täter, auch die der Befreier, und vor allem die Hauptrolle, das Opfer, ist deutsch, christlich und arisch. Es kann jetzt seine nicht abgeschickten Briefe nach Israel dort sogar persönlich vorbeibringen.

 

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Schmerzensmann bin Laden

 

Was wird sein, wenn Bush ihn hat? Diese Zeitung wird mit Trauerrand erscheinen, Bin Laden, bin Opfer, wird sie titeln, und es wird vielen ein Fest sein, einen neuen Schmerzensmann zu haben, von dem sie zehren können. Sieht er dem Erlöser der Christen nicht überhaupt ein bißchen ähnlich?

Seit dem Anschlag auf Amerika, wird in Deutschland Einfühlung den Tätern gegenüber gezeigt. Eine nur auf ihren Vorteil bedachte Weltherrschaft habe die Tat provoziert. Den Toten gegenüber Betroffenheit, den Tätern gegenüber Verständnis, sie seien die wahren Opfer. Sagen wir nicht sofort, das hat eine besondere Tradition in Deutschland, aber verbieten wir diesen Gedanken auch nicht.

Es gab einen ersten Schock, und seitdem wird im öffentlichen Raum, in Diskussionen auf hohem Niveau, der massenmörderische Anschlag wegerklärt. Als eine besondere Leistung menschlicher Einsicht wirbt der

 

taz-Schlagloch

10. Oktober 2001

 

©Viola Roggenkamp

 

Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter dafür, man möge zu denken wagen, daß die Opfer ihre Ermordung mit verschuldet haben.

Das Streben nach Schuldübernahme, verfolgt man die Debatten in Deutschland, scheint ungeteilt zwischen den Geschlechtern, zusätzlich gibt es eine Ebene, auf der Männer unter sich frohlocken: die brillante Logistik des Anschlags wird bewundert, und Klaus Theweleit, der bekannt ist durch seine Arbeit über männliche Größenphantasien und männliche Destruktivität, bezeichnet die Zerstörung der beiden Türme des World Trade Centers als Anschlag auf den Doppelphallus westlicher Männermacht, als „Tritt in die Eier, der auch auf den Kopf zielte“ (taz vom 19.9.2001).

Als ginge es um ein Happening, als sei das Ziel der Selbstmord-attentäter nicht exakt der Ort gewesen, an dem zu diesem Zeitpunkt in USA die meisten Menschen versammelt waren. Wenn Theweleit diesen mörderischen Anschlag islamistischer Selbstmordattentäter als einen zerstörerischen Akt auf die männlichen Genitalien der modernen westlichen Welt bezeichnet, dann wird er wissen, daß er mitgetroffen wurde. Seine analytische Häme aber klingt nach Identifizierung mit den Tätern.

Der Wunsch nach Teilhabe an der drohenden Gewalt, das sich identifizierende Anschmiegen an die Täter, ist eine Möglichkeit, eigene Ängste abzuwehren. Ganz allgemein könnte das unter dem Streben nach Schuldübernahme und dem gezeigten Verständnis für die Tat liegen. Um seiner Tötung zu entgehen, bietet sich das potentielle Opfer an, ein Akt der Unterwerfung, eine Art Selbstkastration. Unaushaltbar scheint es, sich der eigenen Verletzlichkeit zu stellen.

Kastrationswünsche gegenüber dem Anderen verbinden sich mit der Vorstellung von eigener Vollkommenheit, einer Vollkommenheit, die es gar nicht gibt, eine männliche Vollkommenheit, wie sie sich kriegerische Männlichkeit zusammenphantasiert, wie sie in islamistischen Herrschaftssystemen mit brachialer Gewalt gegenüber Frauen ausgelebt wird. 

Jetzt ist die westliche Welt Ziel dieser Fanatikern geworden, die sich als Märtyrer des Islams verstehen. Gestern vor vier Wochen. So verletzlich sind wir. So einfach ist es, uns zu treffen in unserer hoch technisierten Welt.

Nach dem 11. September haben Juden in Deutschland einen Augenblick lang gehofft, nun werde man Israels Situation verstehen, und ich habe einen Moment lang gehofft, jetzt wird man endlich begreifen, daß der Terror, dem Frauen in isalmistischen Systemen ausgesetzt sind, nicht zu trennen ist von dieser Wahnsinnstat. Wir haben uns geirrt. Von Israel wird erwartet dafür zu sorgen, daß sich solche Anschläge nicht wiederholen, und von den Frauen ist gar nicht die Rede.

Männlicher Fanatismus, männlicher Frauenhaß, männliche Destruktivität und männlicher Größenwahn, das ist das Fundament von Faschismus. Auf diesem Fundament stand auch der deutsche Faschismus, Frauen sollten Söhne gebären, mehr nicht. Und auch der deutsche Faschismus hatte die Wahnvorstellung von einer jüdischen Weltherrschaft, genauso wie der islamistische Faschismus.

Daß der Koran diesen Faschismus nicht legitimiere, versichern mir Frauen und Männer aus diesen Ländern. Sie leben im Exil in Deutschland. So wie diese muslimischen Frauen hierzulande leben, wie sie sich kleiden, daß sie studieren und Geld verdienen, dafür würden sie in ihrer Heimat verhaftet, Körperteile würden ihnen abgehackt, sie würden zu Tode gesteinigt. Verboten ist den Frauen die sexuelle Selbstbestimmung, Frauen werden vorsätzlich abhängig und dumm gehalten. Israel inmitten der arabisch-islamischen Welt ist mit seiner Gleichberechtigung von Frau und Mann eine extreme Herausforderung für solche Systeme.

Was mit Frauen in Afghanistan und in anderen islamistischen Ländern geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Es ist zu befürchten, daß die westliche Welt trotzdem bereit ist, diese Verbrechen gegen Frauen weiterhin als kulturelle Eigenart der islamistischen Männergesellschaft zu tolerieren. Letztlich aber führt die Versklavung der Frau und ihre Vertreibung aus der Öffentlichkeit in gesellschaftliche Katastrophen, die männliche Größenphantasien hervorbringen. Eine davon war der 11. September.

Größenphantasien und Größenwahn haben mit Minderwertigkeitsgefühlen zu tun. Frau und Mann müssen in ihrer Seele damit fertig werden, nicht vollkommen zu sein. Es geht um die wechselseitige Anerkennung im Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit. Im gesellschaftlichen und privaten Zusammenleben versuchen wir, damit klarzukommen.

Die eigentliche narzißtische Wunde aber ist wohl gar nicht die geschlechtliche Unvollkommenheit, sondern die eigene Endlichkeit. Daß wir sterben werden, ist das einzige, was wir von unserer Zukunft wissen. Wir werden uns vielleicht einmal clonen lassen können, aber wir werden es nicht mehr sein. Nichts kommt dieser narzißtischen Verwundung gleich.

Faschistische Systeme arbeiten mit der Leugnung dieser narzißtischen Wunde, so rekrutieren sie auch ihre Selbstmordattentäter: Tödliche Macht über das Leben anderer, für den Mörder ewiges Leben, dazu 700 Jungfrauen im Paradies und 10 000 US-Dollar für die hinterbliebene Familie. Das Testament des einen islamistischen Selbstmordattentäters war ein Beleg dafür.  

Die eigene Endlichkeit beginnt mit dem Eintritt ins Leben, und den bewirkt die Frau. Nur aus der Frau kommt die Frau und kommt der Mann. Die Frau ist die Gebärende, durch sie beginnt der Ablauf der eigenen Endlichkeit. Vielleicht hat hier Frauenhaß und Mutterhaß in beiden Geschlechtern seinen Ursprung. Das Gefühl des Mangels mag sich festmachen am Neid auf die Potenz des anderen Geschlechts, die narzißtische Kränkung, nicht vollkommen zu sein, meint im Tiefsten der Seele die eigene Endlichkeit.

 

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Das Fernsehen schafft das Bild ab

 

Das Fernsehen schafft das Bild ab? Nein. So dumm ist nicht einmal das Fernsehen. Der Hörfunk schafft das Wort ab. Ja. Das ist tatsächlich wahr.

Intendanten und Programmdirektoren kürzen und streichen das gesprochene Wort aus ihren Kulturprogrammen. Das sind Leute mit Abitur und dem persönlichen Bekenntnis, die deutsche Sprache läge ihnen am Herzen. Da liegt sie und verstummt. Es verschwinden Magazine, halbstündige Gespräche, Essays. Im NDR beispielsweise Texte und Zeichen, eine der besten Kultursendungen, die es gab. Statt dessen Musik und Eigenwerbung.

Vorrang habe Kla-Po-Pu, so heißt es in Hörfunkanstalten, Klassik-Pop und Publikumssendungen „vor Ort“, Konferenzschaltungen von den spannenden Straßenfesten der Republik. Mittelmäßigkeit und Melodei. Herr Mustermann an die Macht.

Der gesellschaftspolitische Auftrag des Hörfunks ist nicht die Verdummung, doch sie wird systematisch betrieben. Warum machen das die älteren Herren in der Intendanz und Programmdirektion? Das sei jung, sagen sie. Sie haben es jetzt im Fuß,

 

taz-Schlagloch

22. Oktober 2003

 

© Viola Roggenkamp

 

Rhythmus, Klassik-Pop. NDR, WDR, MDR, Hessischer Rundfunk, nun auch der SFB, der jetzt RBB heißt, Radio Berlin-Brandenburg. Überall schön einheitlich vier Viertel und sechs Achtel.

Dabei ist der ältere Herr im RBB eine Frau. Frauen und Sprache. Das weiß man doch. Das ist eine Einheit, eine geschlechtsspezifische Begabung. Nicht so bei RBB-Intendantin Dagmar Reim. Zum ersten Mal eine Frau an der Spitze eines ARD-Senders. Was haben wir uns gefreut! Feministinnen haben auch Margaret Thatcher immer zu schätzen gewußt, weil sie mit ihrer Betonfrisur und ihrem Handtäschchen die einzige war unter den graumäusigen Männern. Endlich eine Intendantin also, dazu neben sich als Programmdirektorin eine Frau aus Ostdeutschland. Vorbildlich!

Wie kommt eine Frau nach oben? Sie muß fünfmal besser sein als ein Mann. Dagmar Reim ist fünfmal besser als ein Mann. Gleich hat sie das frauenpolitische Magazin „Zeitpunkte“ am Wickel. Ab 1. Dezember soll es die „Zeitpunkte“ nicht mehr geben, nicht mehr wie seit vierundzwanzig Jahren gewohnt täglich eine Stunde. Das hat kein Mann vor ihr geschafft. Die frauenpolitischen Themen sollen stattdessen häppchenweise irgendwo im Klassik-Pop-Teppich über die Woche verteilt untertauchen.

Von Dagmar Reim gibt es ein geflügeltes Wort. Es flattert durch Interviews, die sie dank ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach der Ernennung zur Intendantin geben konnte. Die RBB-Frau behauptet, Kultursendungen würden inzwischen nur noch vom Redakteur gehört, seiner Frau und seinem Friseur. Mit anderen Worten: Ein Mann besitzt das Mikrophon und glaubt sich bedeutungsvoll, am Radio lauschen seine Lebensgefährtin und ein Schwuler. Schön, wenn jemand so festgefügte Vorurteile hat.

Man müsse die Jungen an sich binden, heißt es ganz oben in den Hörfunksendern der ARD, und junge Leute könnten gesprochener Sprache nicht länger zuhören als höchstens zweieinhalb Minuten. Sind das dieselben jungen Leute, die stundenlang telefonieren? Stundenlang e-mails schreiben und lesen? Stundenlang in der Schule und an der Uni diskutieren? Stundenlang im Fernsehen in Nachmittagtalkshows ihre Lebensprobleme ausbreiten und stundenlang Hörkassetten im Autoradio hören?

Der Markt der Hörkassetten boomt. Warum wohl? Die Mehrheit der Rundfunkhörer ist weiblich und über vierzig. Genauso wie die Bevölkerung. Und das ist der Trend. Das Alter ist im Kommen. Für jeden Menschen. Warum zahlen Frauen und ältere Menschen überhaupt noch Rundfunkgebühren? Die jungen Leute werden die Kulturprogramme hören wollen, wenn sie vierzig sind. Bis dahin sind alle gestrichen, weil zunehmend Programm für eine junge Minderheit gemacht wird, die ihr weniges Geld zuletzt an Rundfunkgebühren verschwendet, die sich ihre Musik aus dem internet holt, auf CDs schwarz brennt und untereinander verhökert.

Also, wozu und für wen die Vernichtung der Sprache im Hörfunk? Richtet sich das gegen Frauen? Oder gegen alle Erwachsenen ab vierzig? Viel einfacher, ganz einfach. Musik ist billiger. Qualifizierte freiberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu honorieren, die Reportagen, Interviews, Feature und Kommentare liefern, ist teuer. Und da alles teurer geworden ist, vor allem die neue Technik, erhält sich die Spitze in den Sendern durch Kla-Po-Pu (siehe oben) ihre horrenden Spitzengehälter. Der gesellschaftspolitische Bildungsauftrag, zu dem man sich verpflichtet hat, scheint diesen Leuten am Kla-Po-Pu vorbeizugehen, und die anderen werden arbeitslos. Zuerst die freiberuflichen Frauen. Dann die Schwulen. Und am Ende der Redakteur. (Aufgepaßt, Sie hat die Intendantin auch schon auf dem Zettel.)

Nur der SWR und der Deutschlandfunk halten noch am Wort fest, und da man den Südwestrundfunk im Norden leider nicht so einfach hören kann, hören immer mehr den DLF. Der wird nun zum gefragtesten Sender, denen geht es gut, und da streichen Intendant und Programmdirektor gleich wieder die Frauen. In Diskussionssendungen über Sozialreform, Rentenloch, Arbeitslosigkeit, Ganztagsschulen oder Brustamputation sind im DLF nur noch Männer als Experten zu hören.

Vor rund zwanzig Jahren erließ der Europarat eine Entschließung über „die Tilgung des Sexismus“ in der öffentlichen Sprache. Wer klagt das ein? Frauen müssen gefragt werden und zu Worte kommen. Da hilft nur Quotierung. Bei der Programmgestaltung wie bei der Besetzung von Gesprächsrunden.

Männer stört es nicht, wenn sie in Anwesenheit einer Alibifrau unter sich bleiben. Frauen müssen das kritisieren und mehr Frauen fordern. Die Feigheit einzelner Frauen kommt aus ihrem Bedürfnis, Männerrunden gefallen zu wollen. Doch je weniger Frauen sich durchsetzen, desto minderwertiger erscheint auch die einzelne Frau, die es zu etwas gebracht hat, desto minderwertiger erscheint die Sache der Frau, desto weniger hat man Lust, der Frau Platz einzuräumen.

Wenn es denn so wäre, daß es junge Leute gibt, die dem gesprochenen Wort nicht länger als zweieinhalb Minuten zuhören können, ist das ein Grund, sie zur Mehrheit machen zu wollen? Ist das nicht vielmehr verwerflich? Die Menschheit ist eine Gedächtniskultur durch gesprochene Sprache. Wer das untergräbt, fördert die Zunahme fühlloser Gewalt. Damit Erlebtes und Geschehenes zu Erfahrung werden kann und zu Einfühlung, bedarf es der Differenz. Die schafft das Wort, besonders das gesprochene und gehörte Wort. Nicht die Musik. Nicht das Bild. Phantasien entstehen beim Zuhören, nicht beim Zusehen. Der Hörfunk löscht nun diese wichtige Aufgabe des Wortes und damit seine eigene Bedeutung. Man sollte die Zuständigen entlassen.

 

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Eine Frau reicht doch

 

Öffentliche Bekenntnisse können von Vorteil sein. Gerade auch vor der Wahl in das höchste Amt, welches dieser Staat zu vergeben hat. Horst Köhler zum Beispiel hat noch vor der Bundespräsidentenwahl öffentlich bekannt, für Angela Merkel zu sein. Und sie ist für ihn. Er möchte, daß sie Bundeskanzlerin wird. Und Angela Merkel will Horst Köhler. Der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds ist ihr künftiger Bundespräsident, wenn sie etwas zu sagen hätte. Und das wird sie.

Ein internationaler Gelddirektor aus der Ehemaligen also. Nichts gegen Geld. Die Deutschen sprechen oft über Geld. Auch Angela Merkel spricht über Geld, und wie und wo und bei wem es eingespart werden kann. Horst Köhler wird sie darin unterstützen. Seine wichtigste Aufgabe als ihr Bundespräsident wird es sein, „den Menschen in unserem Lande“ (Merkel) dieselben Sparmaßnahmen schmackhaft zu machen, für die Rot/Grün demnächst abgewählt werden wird. 

Vor zweihundert CDU-Kreisvorsitzenden sagte Horst Köhler am vergangenen Samstag, im Falle seiner

 

taz-Schlagloch

11. März 2004

 

©Viola Roggenkamp

 

Wahl zum Bundespräsidenten werde er unbequeme Appelle zu weiteren Reformen an die Politik richten, oh ja, und er sage das in einer Phase, „wo ich davon ausgehen muß“, daß dann „noch ein Sozialdemokrat Bundeskanzler ist“, und er werde „im Prinzip den gleichen Ansatz haben, wenn dann hoffentlich jemand von der CDU - nämlich Angela Merkel - Bundeskanzlerin ist“.

Hat sich der internationale Sparkassendirektor damit als ein noch zu wählender Bundespräsident vorzeitig für das hohe Amt disqualifiziert? Wen schert das? Angela Merkel jedenfalls nicht. Ist nicht sie für ihn die kommende Kanzlerin? Ist er da nicht  qualifiziert, ihr Bundespräsident zu werden? Er, sagt sie, er habe „durch seine Äußerung deutlich gemacht, daß er das Amt des Bundespräsidenten als überparteilich versteht“. Das verstehe einer, wenn er nicht aus der DDR-Demokratie kommt.

Man höre auf die Stimme der Angela Merkel. Bei solchen Äußerungen ist es der kecke Mädchenton, mit dem sie für sich selbst frisch in die Bresche springt. Diese Frau mache keine Rechnung auf, deren Ergebnis sie nicht bereits kenne, heißt es mit bewunderndem Schauder in der CDU/CSU. Anders gesagt: Angela Merkel versteht es, von allem zu profitieren. Die CDU-Parteivorsitzende profitiert sogar vom westdeutschen Feminismus, den sie als einstige DDR-Frau wahrscheinlich verachtet. Aber für sich gebrauchen kann sie alles.

Der westdeutsche Journalist, der sie in der Berliner Humboldtuniversität vor Publikum als „erfolgreich, aber kalt“ bezeichnete, bekam von ihr prompt zur Antwort, sie verspreche ihm, sich künftig an den „menschlich warmen Männern“ ein Beispiel zu nehmen. Das Publikum applaudierte ihr nahezu einhellig, Feministinnen jubelten und sehen ihr nach, was sie keinem Mann nachsehen würden: daß nämlich Angela Merkel eine Frau als künftige Bundespräsidentin verhindert. Und diesmal hätte es geklappt.

Die CDU-Frau Annette Schavan wäre mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit Bundespräsidentin geworden. Doch Angela Merkel will keine Frau. Sie will sich selbst. Sie will Bundeskanzlerin werden. Sie will in zwei Jahren Gerhard Schröder ablösen. Sie will jetzt kein Mißtrauensvotum, sie will keine vorzeitigen Wahlen, sie will die noch verbleibenden zwei Jahre nutzen, um Posten mit Männern zu besetzen, die in ihrer Rechnung aufgehen. Solche wie Horst Köhler, solche, die ihr dankbar sind.

Ein Frauenpaar an der Spitze des Landes? Wenn sie Kanzlerin wird? Wie sähe das denn aus? Bislang hatten wir immer Männerpaare. Und das finden Männer auch gut so. Zuletzt Schröder mit Rau. Demnächst vielleicht Köhler mit Koch oder Stoiber mit Köhler oder Köhler mit Merz. Denn alle wollen dasselbe werden, Koch, Merz und Stoiber: CDU/CSU-Kanzlerkandidat. Und keiner will Angela Merkel. Wie sie Helmut Kohl auf offener Bühne gemeuchelt hat, weckt Kastrationsängste bei den Männern.

Wenn aber Gerhard Schröder und die SPD im Wahlkampf lieber Koch oder Stoiber als Herausforderer hätten, dann wird die CDU Angela Merkel wollen. Obendrein ist sie Ostdeutsche. Eine ostdeutsche Kanzlerkandidatin wäre völlig unberechenbar. Womöglich wird sie gewählt, weil die Leute im Westen mal was ganz anderes wollen und die im Osten endlich was Eigenes.

Angela Merkel und Horst Köhler, zwei die gut rechnen können, haben beide Wahlen bereits durchkalkuliert und unterm Strich das amtliche Endergebnis zusammengezählt: Sie wird in zwei Jahren Deutschlands erste Bundeskanzlerin sein, und er ist ab 23. Mai Deutschlands neuer Bundespräsident. Wozu noch Geld für die Wahlen ausgeben?

 

 

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Schuld allein ist nur

der Feminismus

 

Was sie an ihrem Rivalen Roland Koch irritierend finde, ist Angela Merkel gefragt worden. Daß er so gut kochen könne, antwortete sie und machte dazu ihren meuchlerischen Augenaufschlag; der war sogar im Radio zu hören. Diese Frau ist nicht mehr aus dem Rennen zu nehmen. Gerhard Schröder möchte sie ins Bundespräsidentenamt wegloben, wie mancher CDU/CSU-Mann auch. Das wird keinem gelingen. Zwei Jahre vor der Bundestagswahl können wir das Ergebnis ankündigen: die neue Bundeskanzlerin wird Angela Merkel heißen. In Scharen werden enttäuschte SPD- und Grüne-Wählerinnen dieser Frau ihre Stimme geben und damit ungern doch unvermeidlich der CDU/CSU.

Die Rot-Grün-Regierung hat ihr emanzipatorisches Programm sechs Jahre lang nicht ernst gemeint und verspricht zum Ende hin wie am Anfang Ganztagsschulen. Von den Frauen verlangen SPD und Grüne so ziemlich alles, gegeben wurde fast

 

taz-Schlagloch

5. Januar 2004

 

© Viola Roggenkamp

 

 

nichts. Bloß ein erhöhtes Kindergeld. Die versprochene Ganztagsbetreuung fehlt, die Arbeitsplatzförderung für Frauen wurde nicht eingelöst. Das für Frauen schlechte Ehegattensplitting ist geblieben. Deutsche Frauen sollen Kinder bekommen und mit diesen Kindern mittags nach dem Essen Schularbeiten machen, sie sollen ihre alten Eltern und Schwiegereltern pflegen, und sie sollen im Beruf flexibel bleiben, heute Nürnberg und im nächsten Jahr Kiel, ihre Alten und ihre Kinder im Gepäck. Da kann eine Frau doch gleich CDU/CSU wählen und tut damit noch etwas für die Selbstverwirklichung wenigstens einer Frau, ausgerechnet der Frau, die den Patriotismus predigt. Zu deutsch: Vaterlandsliebe.

Angela Merkel wird die stolze Mutter einer stolzen deutschen Nation werden, an ihrer Brust trägt sie den Orden „Opfer des DDR-Faschismus“, und damit macht sie die Mehrheit im deutschen Westen glücklich, und die Mehrheit im deutschen Osten auch, denn die Mehrheit war ja immer dagegen. Sie selbst ist keine Mutter. Das macht nichts. Kinder für die Kanzlerin wird es heißen, und das wird die schlimmste Strafe für den deutschen Feminismus sein. Die linken Männer werden die Rückkehr zu den fundamentalistischen Werten des Patriarchats begrüßen: Kinder, Kirche, Fitness-Keller. Denn Schuld hat doch eigentlich der Feminismus. Wer sonst?

Weil die Frauen sich unbedingt selbstverwirklichen müssen und andauernd abtreiben, darum haben wir heute das Loch im Rententopf, die hohe Frauenarbeitslosigkeit, die Verblödung der Schulkinder, die wachsende Gewalt unter Jugendlichen und den seelisch und körperlich völlig verstörten Mann. Die ganze deutsche Gesellschaft können Frauen einem kaputt machen. Deutsche Politiker und Statistiker sehen ihren demographischen Turm wackeln und stürzen, sie sprechen von einer „sozialstaatlichen Katastrophe“, deren „Dynamik das Jahrhundertwerk des Rentensystems“ zerstören wird. Das haben die Frauen schon geschafft. So mächtig sind Frauen. Ein Kind in sich wachsen lassen und in die Welt bringen, kann nur die Frau. Der Mann kann das nicht. Bevor der Mann noch seinen eigenen Stammhalter gebastelt hat, ist er ausgestorben. Was ist da zu tun? Ist da noch was zu tun? Können Frauen noch etwas daran ändern, oder sollen wir uns aussterben lassen?

Sehen wir auf unsere Geschichte. Das ist nie verkehrt. Noch im 19. Jahrhundert galten Frauen als krank, die keine Kinder hatten. Die Nazis führten 1933 eine Sondersteuer ein für Unverheiratete. Später war diese Steuer auch von kinderlos gebliebenen Paaren zu zahlen. Beamtinnen wurde automatisch gekündigt, wenn sie heirateten. Ehestandsdarlehen waren für Frauen gebunden an ein Beschäftigungsverbot. Jede Lehrerin war bei ihrem Eintritt in den Schuldienst nicht verheiratet und eine Frau ohne Kind. Verbeamtet wurde sie erst ab ihrem 35. Lebensjahr. Hatte sie bis dahin kein Kind, würde sie keines mehr bekommen, davon ging man aus. Da sie aber nun unverheiratet und kinderlos war, hatte eine Lehrerin keinen Anspruch auf eine Lehrerdienstwohnung.

Unter der Last von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit galt die emanzipierte Frau, die „ihre natürliche Bestimmung verraten“ hatte, als entartet. Journalisten schrieben es, Politiker sprachen es aus, an den Stammtischen wurde es begossen. Und die damalige deutsche Frauenbewegung gab in dieser Vor-Nazizeit ihre besten und mutigsten Frauen auf, darunter auch Jüdinnen. Andere Frauenrechtlerinnen fanden sich, die dem neuen deutschen Ton entsprachen.

Das wird sich nicht wiederholen. Aber manches ist geblieben. Frauen, nicht Männern, wird der Vorwurf gemacht, es würden zu wenig Kinder geboren. Gefragt wird in Untersuchungen, ob die Emanzipation der Frau schuld sei. Hinsichtlich der Männer wird bloß erwogen, ob Umweltgifte ihre Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt haben könnten. Mehr nicht. Frauen werden immer gefragt, ob sie Kinder haben. Dagegen erfährt man über Männer des öffentlichen Lebens (auch in dieser Zeitung) nur etwas über den Vater: Sohn eines westfälischen Sparkassendirektors. Und nie ein Wort über die Mutter. Sohn einer westfälischen Hausfrau. Das ist doch nichts. Neun Monate Schwangerschaft, Tag und Nacht für dieses Kind dazusein, fünfzehn bis zwanzig Jahre Zuwendung und Arbeit. Das ist nichts. Dreieinhalb Minuten Zeugung. Das ist es. Was sind Zuwendung, Versorgung und Verläßlichkeit gegen das Sperma eines Sparkassendirektors?

Die beiden beliebtesten und mächtigsten Fernsehfrauen Deutschlands, die Talkmasterinnen Sandra Maischberger und Sabine Christiansen, haben zwar einen Mann, jede ihren eigenen, jedoch kein Kind. Das wird öffentlich regelmäßig benörgelt, damit das deutsche Mädchen lernt, beruflicher Erfolg kann für eine Frau nie die Erfüllung sein.

Eine Frau ohne Kind ist entweder egoistisch oder eine tragische Figur. Angela Merkel selbstverständlich ausgenommen. Es gab schon immer Frauen, die kein Kind bekommen konnten, und es gibt Frauen, die kein Kind haben aus individuell unterschiedlichen Gründen. Erleben wir zur Zeit einen Gebärstreik? Ach wo. Es fehlen bloß Kindergärten und Ganztagsschulen. Und vor allem fehlen Männer, die Väter sein wollen. Nur wenige Männer sind bereit, mit der Frau mitzuwachsen. Es gibt zunehmend tüchtige, im Beruf erfolgreiche junge Frauen, die ein Kind wollen, aber nicht allein, wie ihre feministischen Mütter, sondern mit Mann und zu gleichen Teilen. Bloß finden sie keinen, der das auch so will, der mehr will als Spaß, Sex, Spaß.

Die Frau ohne Kind bestätigt nur, was ihr nahezu jeder Vater vorlebt: die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf in der deutschen Gesellschaft.

 

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Das Alter ist im Kommen

Früher nachmittag, und ich muß zum Supermarkt. In meinem Korb klappern leere Joghurtgläser. Vorher noch rasch zur Bank, zum Geldautomaten. Ich öffne die Tür mit meiner Scheckkarte, und mit mir will eine junge Frau sich in den engen Raum hineindrängen. Was sie für cool und locker hält, ist plumpe Distanzlosigkeit, mit der will sie mich ältere Frau übertölpeln und an die Wand drücken. Sie könne sich doch schon mal ihren Bankauszug holen. Ich sage: Nein. Sie warten gefälligst draußen, bis ich hier fertig bin. In ihren Augen kalte Wut auf mich, die Ältere, die Mutter-Frau. Ich nehme mir meine Zeit. Nicht mehr, nicht weniger. Ich überprüfe die Anzahl der Banknoten. So ein Automat kann sich schließlich auch mal irren.

Vorm Supermarkt, gleich am Eingang, werde ich artig von Hinz und Kunz begrüßt. Schönen, guten Tag! in H

Hinz und Kunz ist etwas sehr Lobenswertes, nämlich die Obdachlosenzeitung von Hamburg, ich kann es jedoch nicht leiden, wenn ich geradeaus

 

taz-Schlagloch

24. März 2004

 

© Viola Roggenkamp

 

 

zum Container für leere Flaschen will und von links mich ein junger, großer Mann mit blondem Lächeln notdürftig ansaugt, damit ich ihm eine Spende gebe. Ich will jetzt nicht gut sein, ich muß meine auf dem Küchentisch liegengebliebene Einkaufsliste memorieren und fühle eine Hitzewelle in mir aufsteigen, bestimmt habe ich was Wichtiges vergessen: Milch, Honig, Butter, Knoblauch, Kartoffeln, Zwiebeln, Tee, Parmesan und was noch?

Vor mir am Gemüsestand eine kleine Alte in abgewetztem Mantel mit krummen Beinen und eisgrauem Haar. Ich sehe ihr beim Klauen zu. Zwei Knoblauchknollen steckt sie ein und ein Fläschchen mit frisch ausgepreßtem Orangensaft. Sehr vernünftig, alles sehr gesund. Sie ist vielleicht nur zehn Jahre älter als ich, sieht aber schlecht aus. Ich nicke ihr verschwörerisch zu. Überrascht lächelt sie, sofort verjüngt sich ihr Gesicht, und sie nimmt sich noch einen Apfel. Besorgt beginne ich ein Gespräch mit der Filialleiterin. Die kleine Alte entwischt derweil. Wir älteren Frauen müssen zusammenhalten. Vielleicht war sie doch schon an die 70, womöglich Mitte 70. Aber flink auf den Beinen.

Den schweren Korb überm Arm, in der andern Hand zwei Kilo Apfelsinen, so verlasse ich eine Viertelstunde später den Supermarkt und werde auf der Straße von einem Mann nach Kleingeld gefragt. Ein Bettler, viel jünger als ich. Mir tut der Rücken weh, mein einer Fuß schmerzt, ich hätte die schwarzen Pumps nicht anziehen sollen, aber Rock mit Joggingschuhen, das sieht schrecklich unelegant aus.

Sehen Sie nicht, sage ich zu ihm, daß ich beide Hände voll habe? Wie soll ich jetzt mein Portemonnaie für Sie herauskramen? Er zuckt die Schultern. Wenn Sie mir das nach Hause tragen, und dabei hebe ich meine schwere Last etwas an, dann gebe ich Ihnen zwei Euro, ich wohne hier gleich um die Ecke im vierten Stock. Er schüttelt den Kopf. Er will einen Euro umsonst, nicht zwei Euro fürs Schleppen. Dann eben keinen Euro von mir. Offenbar kann er sich sein täglich Brot leichter zusammenbetteln. Richtig, ich brauche noch Brot. Vor dem Bäcker der nächste Bettler. Er hält mir sein Plastikbecherchen hin und deutet stumm auf seine vier Köter, die wohlgenährt auf einer Wolldecke liegen und mich beäugen. Ich gebe nur älteren Frauen, sage ich, das habe ich so eben beschlossen.

Je älter ich werde, desto sicherer bin ich mir über das, was ich will. Ich gehöre zu der Generation, die länger lebt als sich das die Rentenpolitiker vor dreißig Jahren so dachten. Ich bin da, mich gibt es, ich will noch lange mitreden. Auf dem Bürgersteig zischen junge Baseballmützenträger auf ihren Fahrrädern an mir vorbei. Ich muß aufpassen. Sie nicht. Jedem werde ich meinen eisernen Krückstock zwischen die Fahrradspeichen halten. Ich werde eine biestige Alte mit einer harmlos aussehenden sogenannten Gehhilfe. Ich sehe die Helden über die Lenkstange ihres Mountainbikes stürzen, die Jogger, die mich rüde anrempeln, denen ihr Tempo wichtiger ist als meine Unversehrtheit, erschlage ich von hinten, und dem Auto, das mir gerade eben an der kleinen Querstraße um ein Haar über die Pumps gerollt wäre, verpasse ich eine lange, tiefe Kratzspur. Alte Kuh! Eine junge Frau sitzt am Steuer und beschimpft mich durch ihr offenes Seitenfenster, weil ich um ein Haar an diesem Nachmittag ihr Verkehrsopfer geworden wäre. Ich durchsteche mit der Stahlspitze meines eisernen Krückstocks ihren Hinterreifen, und vor Gericht werde ich freigesprochen, ich bin nämlich eine alte Frau und nur ein bißchen meschugge. Die Richterin nickt mir freundlich zu, das muß sie auch, immerhin hat sie es mir zu verdanken, daß sie da oben sitzt. Ich bin eine uralte Feministin. Ohne mich säßen die jungen Dinger weder hinterm Steuerrad ihres eigenen Autos noch in irgendeiner Position, sondern unter seinem Klingelknopf, in seiner Einbauküche, unter seiner Stehlampe.

Das Alter ist im Kommen. Große Aufgaben liegen vor uns. Wir brauchen eine neue Frauenbewegung, wir brauchen den Aufstand der alten Frauen. Wir leben am längsten, wir sind wichtig. Jung sind Frau und Mann in unserer Gesellschaft doch nur die ersten 30 Jahre, und davon bloß das dritte Jahrzehnt in geschäftsfähigem Zustand. Danach beginnt das Alter.

Wirtschaft und Werbung müssen wir umerziehen, mehr alte Filme ins Fernsehen, zurück zur Kultur, zurück zur Nachdenklichkeit und zum Zuhören. Breitere Bürgersteige für uns Alte, mehr Fahrstühle, kein Bahnhof ohne Gepäckträger, kein Fahrplanaushang ohne beigefügte Leselupe, Bankkredite auch für 80jährige, keine Altersgrenze bei Stipendien und Förderpreisen. Wir Alte haben Ideen, geben Geld aus, konsumieren, nach uns muß man sich richten. Aber wieso ist das Alter auf einmal im Kommen? Wem haben wir diese unerwartete Wertschätzung zu verdanken? Natürlich dem Mann, dem alternden Mann. Auf die Frauen hört ja keiner.

Der alternde Mann leidet. Sein Jugendlichkeitswahn bringt ihn zur Strecke. Alt, so glaubte der Mann noch bis gestern, alt werde nur die Frau, vor allem seine Frau. Doch seine Frau wird immer jünger. Bereits die dritte und erst recht die vierte könnte seine Enkelin sein. Der alternde Mann schluckt Potenzmittel, läßt sich Kalbshormone in den Hintern und ins Hirn jagen und rasiert sich den Kopf, damit die grauen Haare nicht zu sehen sind. Die junge, attraktive Frau an seiner Seite, sie, die ihn noch einmal Vater werden läßt, sie macht ihn furchtbar alt. Und das ist doch schön von ihr, denn sie ist die junge Rächerin der alten Frauen.

 

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Immer bereit! (Pionier-Gruß)

 

Und wann gibt es nun den Mißtrauensantrag? Läßt Angela Merkel jetzt Gerhard Schröder stürzen? Werden SPD und Grüne bald wieder auf der Oppositionsbank sitzen dürfen? Oder müssen wir mit ihnen noch zwei Jahre durchhalten bis zur Bundestagswahl?

„Nach menschlichem Ermessen“, sagt Angela Merkel, „sollte man erst einmal damit rechnen, daß wir zumindest nicht die Mehrheit haben, um die Mehrheit zu stürzen.“ Allerdings, sie sei „jederzeit bereit, Verantwortung zu übernehmen“, würde aber „die Oppositionsarbeit lieber auf die Klärung von Sachfragen konzentrieren, als jeden Tag darüber nachzusinnen, ob wir nun irgendwie ‘ne Mehrheit, die wir nicht haben, einsetzen können, aber wenn es so wäre“, jederzeit bereit sei sie, „den Schlüssel dazu haben nicht wir in der Hand, den hat die Regierung“.

Immer bereit. Das ist Angela Merkel. So kennen die CDU-Männer sie: Kohl, Rühe, Merz, Schäuble. Sie war immer bereit, selbst Hand anzulegen. Doch jetzt? Wer macht ihr das jetzt? Wer stürzt ihr Gerhard Schröder?

Sollen die SPD-Frauen den Bundeskanzler zur Vertrauensfrage zwingen und damit ausgerechnet der CDU-Frau den Weg ins Kanzleramt ebnen? Das Gift erlittener Demütigungen wirkte stets lähmend auf SPD-Frauen, doch die Reihe der nach Rache dürstenden Klageweiber ist schier endlos: Inge Wettig-Danielmeier, Anke Fuchs,

 

taz-Schlagloch

8. April 2004

 

©Viola Roggenkamp

 

Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus-Müller, Renate Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Christa Randzio-Plath und, ach, aber ausgerechnet für die CDU-Parteivorsitzende einen Genossen killen? Was weiß denn Angela Merkel von Solidarität? 

Sie wird der erste Bundeskanzler als Frau. Und Deutschlands Bundespräsident ist ein Finanzberater, ein Sparkassenpräsident, ein Direktor der Währungsunion, kurzum ein Mann, der gewohnt ist, nicht viele Worte zu machen, sondern mit gespitztem Bleistift Zahlen zu addieren. Zusammen wächst da, was zusammengehört. Sie wird ihm sagen, was er sagen soll; das Mädchen aus dem roten Osten. Sie hat ihn hochgebracht, er wird sie nach vorn bringen. Vereinigung auf höchster Ebene. Horst und Angela, zwei deutsche Demokraten, paarweise, bescheidenes Grau, jeder seine Aktentasche.

Schneller, schlanker, effizienter wünscht Köhler sich die Firma Deutschland, vorwärts und stets vergessen. Er weiß wie das geht, er hat Rechnen noch in der DDR gelernt. Genau wie sie. Dem Westen fehlte der Osten. Das sieht man jetzt.

Die Frauen im Westen haben alles falsch gemacht. Immer die linken Männer retten wollen, immer zeigen wollen, das frau auch als Frau - ja? Was denn? Na? – Na, also. Das überlaßt jetzt mal Angela Merkel. Laßt doch endlich mal diese Frau nach vorn, die hat den Willen zur Macht. Hat man das gesehen, wie sie neulich Helmut Kohl springen ließ? Zum Auftakt des Europawahlkampfes nahm sie ihn bei den Hörnern. Springen ist vielleicht unpassend, der Mann ist völlig aus dem Leim gegangen. Im Fernsehen zeigten sie es mehrfach, immer dieselbe Situation, obwohl die schon längst vorbei war und im wirklichen Leben nur einmal passiert ist, doch im Fernsehen immer noch mal. Sein Schnaufen und wie er nach Luft rang, seine herausquellenden Augen, seine schweißnasse Haut.

Ich sah es im Hotelzimmer. Ich war auf Reisen. Im Hotel stelle ich immer als erstes den Fernseher an. Ich habe zu Hause keinen mehr. Im Hotel will ich sehen, ob das Programm noch immer so schlecht ist. Schlechter. Es ist noch schlechter geworden. Talk-Show, Krieg-Show, Container-Show, Porno-Show. Helmut Kohl, schwitzend, dampfend, kurzatmig, noch kurzatmiger als einst Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl mit schwergängiger Zunge am Mikrophon, darunter die beflissen vorgereckten Hände von Angela Merkel: Applaus! Applaus! Und nach ihm sprach sie. Sie schien nicht in bester Form, irgendwie aufgedunsen. Die Politik macht was mit den Leuten.

Hat man schon mal einen Politiker gesehen, der an der Macht dünner geworden ist? Angela Merkel hat auch zugenommen, noch vor ihrer Kanzlerschaft mehrere Pfunde. Nur Westerwelle nimmt nicht zu, immer flink, immer hastig hechelnd. Trinken die Leute zu viel? Werden sie zu viel herumgefahren? Müssen sie so viel Platz einnehmen? Schlucken sie zu viel hinunter?

War es nötig, Hans Filbinger an dieser Bundespräsidentenwahl teilnehmen zu lassen? Wie oft hat die SPD das schon geschluckt, schon fünfmal. Als Marinerichter der Nazis ließ Filbinger in den letzten Tagen vor Kriegsende noch Todesurteile aufsetzen und ausführen, wegen kleinster Vergehen, zum Beispiel wegen Mundraub. Wer mochte davon all die Jahre gewußt haben? Viele Männer und Frauen. Deutsche Geschichte, das sind die Geschichten vieler Menschen. Endlich schrieb die Presse darüber und Filbinger mußte als Ministerpräsident zurücktreten. An Bundespräsidentenwahlen nahm er weiter teil. Warum empörten sich SPD und Grüne darüber diesmal? Warum nicht jedesmal? Aber nun gut, wenigstens diesmal.

Warum also Hans Filbinger? Warum Michael Stich? Warum Jette Joop? Warum Gloria von Thun und Taxis? Stich natürlich wegen der Sportler und Wolfgang Joops Tochter wegen der jungen Karrierefrauen, Gloria von Thun und Taxis wohl wegen der Taxifahrer und Filbinger doch wahrscheinlich, damit sich die alten Nazis repräsentiert fühlen konnten, und die jungen Nazis auch. Angela Merkel fand das völlig in Ordnung und konnte die Empörung über die Teilnahme des 90jährigen ehemaligen NS-Richters an der Bundespräsidentenwahl gar nicht verstehen.

Deutschland sei „ein Land mit einem hohen Bedarf an Harmonie“, hat Frau Merkel erkannt. „Aber die Einigung ist kein Wert in sich. Wenn man sich auf das Falsche einigt, kann sich die Sache wieder nach hinten bewegen.“ Und da steht Guido Westerwelle. Mit ihm hat sich Angela Merkel auf Bundespräsident Köhler geeinigt, den wir nicht mehr bloßstellen dürfen, weil ihn nun das höchste Amt bekleidet. Aber gegen Westerwelle dürfen wir noch. Der wird Deutschlands Außenminister, sobald Angela Merkel Kanzlerin ist. Das muß man sich mal vorstellen. Kann sich das außer Westerwelle überhaupt jemand vorstellen?

 

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Der Mann in der Lücke

 

Nur ganz früh morgens, wenn die Pädagogen in die Schule müssen, oder ganz spät abends, wenn die Karrieristen ihre In-Lokale endlich verlassen, bekomme ich einen Parkplatz in meiner Straße. Sonst nie. Gestern mittag mußte es aber sein. Mein Wagen war vollgepackt mit Wein und Mineralwasser. Ich erwartete vier Freundinnen zum Essen und Diskutieren. Es sollte Lammkoteletts an Kartoffelpüree mit frischem Pesto geben. Unser Thema würde diesmal die Frage sein: „War Anna Freud lesbisch?“, und kein Parkplatz vor meiner Haustür oder auch nur in der Nähe.

Ich fuhr die Straße langsam suchend ab und entdeckte einen Mann, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig, der in seinem geparkten Auto hinterm Steuerrad saß. War er gerade gekommen? Würde er wegfahren?

 

taz-Schlagloch

13. September 2000

 

© Viola Roggenkamp

 

 

Ich hupte fragend. Er reagierte nicht. Sein Fenster war heruntergelassen. Sein Arm hing heraus. Nach intensiver Anstrengung, mich bemerkbar zu machen, wandte er sich mir mit dem Ausdruck völliger Überraschung zu, hob die Augenbrauen, öffnete breit die stählernen Kinnladen und schüttelte schmerzlich grinsend seinen Kopf.

Es soll inzwischen Menschen geben, die in ihrem Auto sitzen, um den Parkplatz zu genießen, den sie sich erobert haben. Dieser Mann hier, der sich betont unverkrampft gab, wirkte schwer gereizt. Ein großer Junge mit Stoppelkopf in einem teuren, schnellen Auto. Da ich nicht wegfuhr, sondern den Motor abstellte, um auf seinen oder einen anderen Parkplatz zu warten, stieg er langsam aus. Teure Knitterware umhüllte seinen trainierten Körper.

Er rollte die Schultern, warf einen ernsten Blick ins Autoinnere und ging prüfend um den Wagen herum. Mit der Fußspitze tippte er gegen eine Radkappe, sah dann auf und hinweg über mich in meinem Wagen. Er schien auf jemanden zu warten und würde also aller Voraussicht nach demnächst wegfahren. Ich machte es mir bequem und dachte an Freuds Tochter. 

„Anna Freud“, schreibt der Psychiater Uwe Henrik Peters, „hätte die große Mutter oder die große Lesbierin ihres Jahrhunderts“ sein können. Wieso nicht beides? Menschen werden so einseitig wahrgenommen, wie man sie (unbewußt) wahrnehmen will. Zum Beispiel entwickelte der dynamische Junge vor meiner Windschutzscheibe auf einmal einen Sauberkeitsfimmel, wie er selbst ihn wahrscheinlich nie sich, sondern nur Hausfrauen unterstellt haben würde.

Er war vor seinem Kofferraum stehen geblieben, mit offenem Jackett, die Hände in den Hosentaschen, bückte er sich über die Heckklappe seines Autos und legte dabei den Kopf schief. Auf diese Weise konnte er im Licht der dunstigen Septembersonne den Lack seines Wagens besser prüfen. Er hatte etwas entdeckt. Auf dem Lack. Ganz deutlich. Etwas, was  da nicht hingehörte. Er zog seine linke Hand aus der Hosentasche und tupfte mit dem Zeigefinger auf das Etwas auf dem Lack. Dem Etwas hatte die Berührung seines Fingers offenbar nichts anhaben können. Er überprüfte die Sachlage, gebückt mit schräg gelegtem Kopf. Ja. Der kleine Fleck war noch da. Er steckte, ohne den Blick von dem Etwas zu wenden, seinen Zeigefinger in seinen Mund und versuchte es mit Spucke. Das Etwas war weg. Er war zufrieden. Er sah auf und war unzufrieden. Ich war immer noch da. Er ging um den Kofferraum herum, öffnete die vordere Wagentür und beugte sich ins Autoinnere.

Das Innere seines Wagens ist der Innenraum des Mannes. CD-Halter, Handy-Halter, Bierflaschen-Halter und darüber trottelte ein Amulett am Rückspiegel. Einsteigen und weg, hinaus in die Welt. Aber nein. Er konnte nicht weg. Er mußte den Parkplatz hier halten. Sein unter hellem Knittertuch verborgener Hintern schob sich aus dem Autoinnern. Dann warf er die Wagentür zu. Nicht ohne vorher noch seinen Kopf herausgezogen zu haben.

„Als große Mutter“ werde Anna Freud nicht gesehen, hatte der Psychiater in seinem Aufsatz geschrieben, obwohl sie sich ihr ganzes Leben als Kinder- und Jugendanalytikerin „um das beste Wohl unendlich vieler Kinder“ bemüht habe. „Als Lesbierin nimmt man Anna Freud nicht wahr, obwohl sie über fünfzig Jahre lang mit ihrer Freundin Dorothy Burlingham unter einem Dach“ lebte.

Das ist wahr. Allerdings wechselten die Dächer, unter denen die beiden Frauen von 1926 bis zu Dorothys Tod 1979 zusammen waren. Das erste Dach, war das Dach von Mutter und Vater Freud. Anna zog mit ihrer Dorothy ein Stockwerk höher, über der elterlichen Wohnung ein. Keine der beiden Frauen putzte. Sie hatten Personal.

Der Mann schien mit dem Putzen seiner Heckklappe fertig zu sein. Aber da er sich gerade zufrieden aufrichten wollte, entdeckte er ein anderes Etwas, das dem ersten glich. Wieder steckte er seinen Zeigefinger in seinen Mund. Wieder betupfte er das Etwas mit seiner Spucke. Er hielt prüfend inne. Seine Spucke machte auf dem Lack einen eigenen Fleck. Der Mann sah es. Ein Fleck mit Rand. Das war gar nicht gut, das war überhaupt nicht gut für den Lack.

Er richtete sich auf, steckte seine Hände in die Hosentaschen und reckte das Kinn vor, gen Himmel. So, nach oben blickend und den Kopf etwas in den Nacken gelegt, konnte er besser in seinen Hosentaschen suchen. Er suchte nach einem Taschentuch. Er hatte keines bei sich. Wieso hatte er keines bei sich?  Er hatte keines mehr bei sich, seitdem er bei seiner Mutter ausgezogen war.

Er prüfte wieder den Lack in Schräglage und nahm den Zipfel seiner Krawatte, um den Spuckefleck samt Rand von seinem Auto zu entfernen. Mit vorgewölbtem Fischmaul hauchte er auf das lackierte Hinterteil und polierte dann rasch und tiefgebückt nach. Auffallend tiefgebückt. Das lag an der Länge seiner Krawatte, die ihn dazu zwang, seiner Hand und dem polierenden Krawattenzipfel mit vorgestrecktem Kinn folgen zu müssen. Er hatte seinen Kopf an der Leine, die eine Krawatte war, und diese Krawatte machte das Etwas weg. Er richtete sich auf und strahlte.

Auch ich war weitergekommen in meinen Überlegungen. Anna Freud starb sechsundachtzigjährig im Oktober 1982, ohne über ihre Lebensbeziehung mit Dorothy Tiffany-Burlingham je eindeutig Auskunft gegeben zu haben, was nicht unbedingt dafür sprechen mußte, daß es keine lesbische Beziehung war.

Ihn in seiner Parklücke hatte ich beim Denken nicht vergessen. Er mich auch nicht. Er sah auf meinen eingebeulten Wagen, schlank geworden in Jahren wachsender Parkplatznot. Ich sah, daß er telefonierte, den Blick gegen den Horizont gerichtet, wie bei der Befriedigung eines nicht öffentlichen Bedürfnisses.

oHo

Da kam sie schon in ihrem Wagen, für die er den Parkplatz freigehalten hatte. Er rangierte sich heraus. Es dauerte, trotz Servolenkung. Schnell fuhr er davon. Ich wartete, bis sie es aufgegeben hatte, rückwärts einzuparken. Vorwärts ging es schon gar nicht. Langsam rollte sie weiter. Frauen müssen rückwärts Walzer und Foxtrott tanzen. Wieso sollten sie da nicht rückwärts einparken können? Ich nahm Maß und war drin.

 

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Unter Lindenblüten an der Elbe

 

Wir wußten, daß wir ein Gemälde aus vergangenen Tagen betreten würden, als wir auf die Lindenterrasse zusteuerten. Von Max Liebermann in Hamburg an der Elbe 1903 gemalt. Bereits damals waren die Linden auf dieser Terrasse nicht mehr jung, jedenfalls nach menschlichem Ermessen, aber für Bäume schon, und inzwischen wohl bald hundertfünfzig Jahre alt. Ihren Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode haben sich die Menschen von den Bäumen abgeguckt, die im Winter wie tot dastehen und im Frühjahr sich neu beleben; diese Linden, hoch über der Elbe, nun im zweiten Jahrhundert. Sie leben einfach weiter.

Geradeso wie die Geschichte der Menschen, die geht auch immer weiter, annonciert „Der Spiegel“ im ganzen Land. Seine Botschaft heißt: Deutschlands Vergangenheit werde die Gegenwart der Zukunft sein. Diese Beschwörung illustrieren farbige Plakate und Titelseiten, wie sie sich jeder Nazi gern über sein Bett hängen wird. Man spürt die Begierde nach

 

taz- Schlagloch

9. Mai 2001

 

© Viola Roggenkamp

 

Unausweichlichem, mit der in der Redaktion montiert wurde: Vor dem Brandenburger Tor Fahnen schwingende rechtsterroristische Jugend, dahinter aufsteigend Adolf Hitler, staatsmännisch. Sogar der Führer wäre mit dem Chefredakteur und seinen „Spiegel“-Mannen zufrieden gewesen.

Davon noch dreißig Jahre entfernt, hatte der Jude Max Liebermann die zu einem Blätterdach verschlungenen Baumkronen in frühsommerlicher Luft gemalt, beschwert nur mit der Süße des Lindenblütenduftes, hoch über dem Fluß, und nichts von dem fauligen Mief von unten, wie er stinken kann, nach totem Leben.

Vom Innern des Hotels, durch die großen Fenster und Glastüren, zeigte sich die Lindenterrasse an diesem Sonnabend in einer Weise besetzt, daß ich zunächst dachte, wir dürften sie nicht betreten. Herren in grauem Gehrock und kanariengelber Weste machten Front nebeneinander und gegeneinander, Damen unter großen Hüten, in sehr langen oder ganz kurzen Kleidern, lächelten zum Angriff; einige hochschwanger, andere magersüchtig, daß ihnen die Schulterblätter durch das rohseidene Kostümjäckchen stachen. Ein Hochzeitsempfang im Mai 2001. Für ihn waren zwei Drittel der Lindenterrasse reserviert.

Wir setzten uns ins dritte Drittel, und zwar so, daß wir auf die Elbe als auch auf die Gesellschaft bequem sehen konnten, dazu bestellten wir Tee und Apfelkuchen. Alle auf unserer Seite machten es so. Man sah auf die Reichen, denn Geld mußten sie haben, wenn sie sich das hier an der Elbchaussee bei Louis C. Jacob, Hotel und Restaurant, leisten konnten. Zwischen ihnen und uns war eine Abgrenzung, eine dicke Schnur, knietief gehängt, leicht zu überwinden und wirksam, wie eine Wand.

Wir kommentierten, was wir sahen, verhalten zunächst, bald ganz ungeniert, denn sie sahen nur sich, und folglich würden sie uns nicht hören, obgleich keine zwei Meter uns trennten. Nicht ein Blick von ihnen fiel auf uns Leute. Eigentlich ließen sie uns völlig in Ruhe, doch übersahen sie uns so konsequent, daß es etwas von Mißachtung hatte. Auf unserer Seite war man wenigstens gegen sie.

Das Paar an unserem Tisch, zwei Männer, beide schwul, der eine mit Ohrring, der andere von zwanghafter Selbstkontrolle, starrten gebannt auf den hochgeschäumten Protz hinter der Trennkordel: Jungunternehmer im Börsenrausch, nächste Woche im Konkurs, übernächste Woche unter einem neuen Label. Bieder lauernd die Männer, standesgemäß frivol die Frauen an ihrer Seite, denn zu jedem Mann gehörte eine Frau, und jede dieser Frauen hatte die Aufgabe, ihn und immer nur ihn anzusehen, wenn er zu anderen Männern sprach. Zwischendurch konnten sie sich frei bewegen. Man löffelte Suppe im Stehen.

Der Bräutigam tauchte am Weinausschank auf. Daß er der Bräutigam war, verriet außer dem kleinen Myrthesträußchen in seinem linken Knopfloch, sein verschlagener Blick, mit dem er Weinflaschen und Personal überflog. Seit heute durfte er es machen wie sein Vater, er war nun selbst Hausherr geworden, trat leise auf, dabei das gelbliche Gesicht mit dem spitz zulaufenden, flachen Hinterkopf ein wenig zur Seite neigend, das Ergebnis dauerhaft schlechter Körperhaltung, alt geboren und wahrscheinlich der einzige Repräsentant wahrhaft hamburgischen Wirtschaftsadels in der Meute seiner Gäste.

Der Braut taten die Füße weh. Der Vater der Braut mit Drittgattin, hatte sich übers Buffet gebeugt und inspizierte, seine Brille zur Stirn anhebend, mit darunter hervorhechelndem Blick die Weinmarken. Erdbeertorte kam. Man sagte Aaahhh. Das gehörte dazu.

 Eine Frau gab der Bedienung Anweisungen. Hartes Gesicht unter lackschwarzem Hut, am Zeigefinger knappste Anweisungen: Davon! Ein Glas! – Dann zum Kind neben ihr: Hier. Laß fallen. Wär‘ schade drum. – Von wem hatte die das? Von ihrem Urgroßvater, dem Korvettenkapitän? Von ihrem Großvater, dem SS-Offizier? Von ihrem Vater, dem Beamten im Auswärtigen Dienst?

Als einer von ihnen langsam seitlich gegen uns ein Bein hob, die Trennkordel überschritt, sein Handy am Ohr, den Blick auf die Schuhe gesenkt, da war es deutlich: Sie durften unseren Boden betreten, während wir ihnen dabei zugucken konnten. Er kam, um sich bei uns abzutelefonieren. 

Die Kinder konnten mehr. Ein zweijähriger Matrose von drüben lief zwischen unseren Tischen herum, den Blick seiner Mutter im Rücken, die schon wieder schwanger war. Sie gefiel sich in ihrer Fruchtbarkeit. Träge ließ sie ihr Männchen gewähren.

  Von unserer Seite mischte sich ein Geschwisterpaar drüben unter die Hochzeitsgäste. Blonde Schulkinder, die streng zurückgepfiffen wurden. Die Tochter, eigene Bedeutung suchend, eilte herbei und wurde dafür nicht beachtet, der Sohn kam verschleppend. Ein blonder Vater beugte sich gegen ihn hinunter, aggressiv mit schmalem Blick und angelegten Ohren als hätte der Junge von dort, von den Senkrechtstartern etwas mitgenommen und nun bei sich, was ihm, dem Vater, Angst machte.

Unser Apfelkuchen kam, ein Stück von der Größe einer Postkarte für sechs Mark. Er schmeckte nach Blei und Glitsch, war vor Tagen gebacken und mehrfach aufgetaut worden. Das Männerpaar hatte ihn mit Sahne bekommen, Sahne aus der Spritzdose.

Eine versehentlich gelandete Ringeltaube warf drüben ein paar leerstehende Gläser um. Die ersten gingen. Ein sich beim Sprechen mit Luft aufpumpender Mann, entließ zwischen Wortsilben aufstoßend seinen Atem in das Gesicht seines Zuhörers als Ausdruck eigener Bedeutung. Sonst passierte nichts. Kein aufsteigendes Lachen, kein anschwellendes Reden, kein Ausdruck von Freude entstieg ihren Hüllen.

Darüber die ineinander verschlungenen Lindenkronen vor einem der schönsten Ausblicke Hamburgs. Den Kuchen konnten wir zurückgehen lassen. Der Ober entschuldigte sich und servierte weitere Portionen davon am Nebentisch. Nichts paßte zusammen. Alles stimmte. Unter uns, in der Elbe, ging die Kultur gerade den Bach hinunter.

 

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