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„Die Autorin hat

mit ihren Überlegungen zum

deutsch-jüdischen Verhältnis in der kulturellen Elite mit nicht geringem Mut in ein Wespennest gestochen.“

 

Ruth Klüger

Literarische Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Erika Mann - eine jüdische Tochter

Über Erlesenes und Verleugnetes in

der Frauengenealogie der Familie Mann-Pringsheim

 

251 Seiten

Arche Literatur-Verlag Zürich-Hamburg, 2005 – 19.90 €

Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2008 – 9.90 €

 

 

Verleugnetes Judentum

Ein beliebtes Gesellschaftsspiel in jüdischen Kreisen ist der Streit um die Frage, wer und was denn ein Jude, besser noch, was Judentum, beziehungsweise Jüdischsein, denn sei? Die Gläubigen, und nicht nur die Orthodoxen, haben es leicht mit der Antwort. Die Agnostiker, besonders wenn sie ihre Zugehörigkeit nicht von den Feinden der Juden, also vom Antisemitismus her, definiert haben wollen, tun sich schwerer. Ist man Jude durch die Geburt, die Kultur, die Erziehung, die Biologie? Kann man Jude werden? Ja, aber nur durch den Glauben, durch Konversion. Kann man – die heikelste Frage – das Judentum abstreifen, wenn man als Jude, als Jüdin geboren ist? Durch Taufe, durch Heirat? Oder gar aus Überdruß? (...) Im Zeitalter des akuten Antisemitismus werden diese Unterscheidungen weitgehend hinfällig. Wer als Jude verfolgt wird, ist Jude, ob er will oder nicht.

Viola Roggenkamp, die Autorin des erfolgreichen deutsch-jüdischen Romans „Familienleben“, nimmt sich dieser Fragen anhand von Deutschlands berühmtester „Mischehe“, die der Familie Pringsheim-Mann, an; eine Familie die bekanntlich schon viel biographische Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Roggenkamp konzentriert sich auf einen Aspekt, den sie für vernachlässig hält und nimmt als Fokus, wenn auch nicht als ausschließliche Protagonistin, Erika, das älteste Kind der Manns. Laut Roggenkamp hat Erika Mann ihre jüdische Herkunft mütterlicherseits konsequent verleugnet, im Sinne, daß sie sich nie als Jüdin einstufte, und diese Verleugnung, so folgert sie, kam einer psychologischen Verdrängung im Freud’schen Sinne gleich, die sich in Erikas Leben, Schreiben und Denken ungut, oder zumindest belastend, auswirkte.

Man kann dieses oder jenes Detail in dem zügig geschriebenen und polemisch angelegten Buch anzweifeln, doch die Autorin hat gewiß recht, wenn sie meint, es müsse doch stutzig machen, wenn eine Tochter aus prominenter und nur teils assimilierter Familie (Katia Manns Mutter war getauft, der alte Pringsheim war es nicht) während der großen Judenverfolgung, der sie in Deutschland zum Opfer gefallen wäre, sich nicht mit ihrem jüdischen Erbe auseinandersetzt, sondern konsequent so tut, als gäbe es das gar nicht. Erika Mann war umgeben von jüdischen Freunden, sowohl zu Hause wie in der Emigration, alle mehr oder minder assimiliert, aber sie zählte sich einfach nicht dazu. Sie leitete sich nur von der väterlichen nicht von der mütterlichen Seite ab. So wurde diese hochbegabte Frau nach und nach Thomas Manns Tochter und weiter nichts. Die allzu enge Bindung an einen extrem ichbezogenen Vater verstellte ihr den Weg ins eigene Leben.

Sie wirkte konsequent und unermüdlich gegen die Nazis in ihrem Kabarett „Die Pfeffermühle“ und als Journalistin und Vortragende, in Amerika auch oft in Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen, aber immer nur vom politisch-intellektuellen Standpunkt, nicht als eine von den deutschen Rassegesetzen Betroffene. Währenddessen wurde im Familienkreis die Homosexualität nie verdrängt, sondern ganz offen besprochen. Hier sieht Roggenkamp Zusammenhänge, in dem Sinne, daß das eine Außenseitertum für das andere einstehen mußte, und hier ist sie wohl am angreifbarsten, weil diese Zusammenhänge nicht sofort einleuchten. Und doch konstatiert auch der Thomas-Mann-Forscher Heinrich Detering in seinem Buch „Juden, Frauen, Literatur“ über Manns frühe Erzählungen und Essays, ein überraschendes Spannungs- beziehungsweise Verwandtschaftsverhältnis zwischen Judesein und Homosexualität, und bekräftigt dadurch indirekt Roggenkamps These.

Viola Roggenkamp überlegt sogar, daß Thomas Mann sich womöglich von den Nazis, die ihn eine Zeitlang umwarben, hätte überreden lassen, in Deutschland zu bleiben oder dahin zurückzukehren, wenn ihn eine solche Entscheidung nicht die Familie gekostet hätte. Wenn das stimme, meint sie, so verdanke er letzten Endes seinen Status als Deutschlands prominentester Exilautor eben diesem nichtarischen Element, das man gern unter den Teppich kehrte.

Es kommt hinzu, daß die politischen Exilanten sich als etwas Besseres sahen als die „nur“ rassisch verfolgten Juden. Diese hatten noch nicht den Märtyrerstatus, den eine spätere Generation den Opfern des Holocaust verliehen hat. Die Mann-Kinder hatten also etwas zu verlieren, wenn sie sich mit den jüdischen statt mit den politischen Emigranten identifizierten, denn letztere waren aus Gewissensgründen geflohen, die Juden waren willenlos in den Strudel geraten. Außerdem, wie die Autorin ganz richtig feststellt: „Amerika hätte seine Boys nicht zur Rettung der Juden in den Krieg geschickt, wohl aber zur Verteidigung der Zivilisation.“ Die Verleugnung, ja Abwehr, des Jüdischen dürfte also ganz bewußte, nicht nur unbewußte Beweggründe gehabt haben.

Das Buch bezieht seine Brisanz aber auch aus dem weiteren Umfeld der Verdrängung jüdischen Schicksals in der Nachkriegszeit. Roggenkamp geht auf die heutige Diskussion ein, wer denn Opfer gewesen sei, und auf das Ressentiment gegen Juden von seiten der nichtjüdischen Deutschen, die ihr eigenes Leiden von dem der Juden sozusagen vereinnahmt sehen. Das sind wirklichkeitsnahe Argumente, die den Horizont über die historischen und literaturhistorischen Fragen hinaus erweitern. Roggenkamp irritiert und provoziert. Doch kann man sich der Eindringlichkeit und der Aktualität dieser Irritationen schwer entziehen. Die Autorin hat mit ihren Überlegungen zum deutsch-jüdischen Verhältnis in der kulturellen Elite mit nicht geringem Mut in ein Wespennest gestochen.